Man kennt ihn aus Shakespeares gleichnamigem Theaterstück: Othello. Der dunkelhäutige Feldherr hat die wunderschöne Desdemona geheiratet, heimlich, hinter dem Rücken ihres Vaters. Doch falsche Andeutungen seines Freundes Jago über die angebliche Untreue Desdemonas treiben Othello immer weiter in die rasende Eifersucht. Schließlich weiß der tragische Held des Dramas keinen anderen Ausweg, als erst seine Geliebte zu töten und dann sich selbst.

Die Professoren José Ramón Pin und Guido Stein der IESE Business School Barcelona/München haben nun Shakespeares eifersüchtigen Ehemann als Vorlage genommen und die Profile eifersüchtiger Manager analysiert. Denn in den großen Unternehmen der Welt scheint es oft nicht viel anders zuzugehen als in Shakespeares Drama: Eifersüchteleien und Machtansprüche dominieren vielerorts den Arbeitsalltag.

In den Chefetagen gibt es jede Menge Othellos, die allein getrieben von Eifersucht ihren Mitarbeitern und letztlich dem gesamten Unternehmen schweren Schaden zufügen. Besonders anfällig, so Pin und Stein, sind Manager mit unausgeglichenen Persönlichkeiten, mangelndem Selbstbewusstsein und zu wenig Selbstvertrauen. "Unsicherheiten, die durch einen Mangel an Selbstbewusstsein entstehen, führen zu der permanenten Angst, durch jemand anderen ersetzt zu werden, der unter Umständen besser ist", erklären die Professoren das Phänomen.

Sie reagieren darauf mit übertriebener Kritik an der Arbeit von Angestellten, um sie zu diskreditieren, sie schließen Konkurrenten von gemeinsamen Meetings aus oder geben ihnen Projekte, an denen Angestellte nur scheitern können. All das dient dem Zweck, Mitarbeiter vom Erfolg abzuhalten, um so das eigene Prestige zu sichern.

Einmal ausgebrochen verbreite sich das Othello-Syndrom in einem Unternehmen schneller als ein Virus, so Pin und Stein. Die heimlichen Othellos der Führungsetagen erzeugen weitere Othellos und kreieren so eine Atmosphäre generellen Misstrauens im Unternehmen. Ein Beispiel: Ein Vorgesetzter stellt einen Angestellten ein, bekommt es aber schon bald mit der Angst zu tun, dieser könne allzu erfolgreich sein und ihm seine Position streitig machen. Ein anderer Angestellter übernimmt dann die Aufgabe des Jago und beginnt, Intrigen zu stricken. Er "öffnet dem Boss die Augen", wie Pin und Stein es nennen, und weist ihn auf die Konkurrenz hin, die durch den Angestellten angeblich droht. Und schon kommt - wie im Theaterstück durch Jagos Hinweis - der Stein ins Rollen.

"Die eigentlich kritische Rolle spielen dabei die Mitarbeiter, die den Part des Jago spielen", sagen Stein und Pin. "Sie kennen ihren Chef gut und haben dadurch großen Einfluss."

Drei Tipps gegen die Eifersucht

Wie lässt es sich nun verhindern, dass das Othello-Syndrom ähnlich Ausmaße annimmt wie in Shakespeares Tragödie? Pin und Stein wissen um die Schwierigkeiten: "Das Othello-Syndrom ist schwer zu erkennen und ebenso schwer ist es zu bekämpfen, da jede falsche Handlung die eifersüchtige Person noch aggressiver machen kann."

Daher haben sie passende Tipps formuliert, wie Mitarbeiter auf einen Othello in ihrem Unternehmen reagieren sollten.

Tipp 1: Alarmbereit und aufmerksam sein, um das Othello-Syndrom rechtzeitig zu entdecken und einzugreifen. So können interpersonelle Konflikte und allgemeines Misstrauen verhindert werden.

Tipp 2: Offen auf Othello zugehen und das Problem ansprechen. Sobald erste Anzeichen des Syndroms auftreten, sollten Mitarbeiter das Misstrauen ihres Chefs abschwächen, indem sie seine Kompetenzen und Erfolge hervorheben. Durch eine Selbstanalyse des eigenen Verhaltens können außerdem mögliche Verhaltensweisen entdeckt werden, die das Misstrauen des Vorgesetzten ausgelöst haben können. Ist dies der Fall, sollten Mitarbeiter die entsprechenden Verhaltensweisen in Zukunft vermeiden.

Tipp 3: Sich in Bescheidenheit und Großmut zu üben, kann verhindern, dass ein Othello-Syndrom überhaupt entsteht. Der Grund? Bescheidene Mitarbeiter sind immun für Eifersucht und Neid und stattdessen stolz auf ihre eigenen Erfolge. Und wer großmütig ist, bekommt eher Respekt und Vertrauen von den Kollegen.

Erschienen in der WirtschaftsWoche