Warum scheitern einige Führungskräfte plötzlich nach dem Aufstieg? Und was machen die, die aufsteigen und erfolgreich bleiben, anders?, fragt Günther Engelbrecht, Marketingleiter bei einem Konsumgüterhersteller.

Sehr geehrter Herr Engelbrecht,

an die Spitze gelangen und sich dort auch bewähren – das sind zwei völlig unterschiedliche Vorgänge. Der Aufstieg ist in der Regel geprägt von harter Arbeit, Anpassungen und Verzicht. Dort auch zu bleiben ist mit großen psychischen Belastungen verbunden, denn meist tritt nach dem Aufstieg erst einmal ein Erfolgsschock ein: Der Kampf nach oben ist erledigt, die Führungskraft spürt Freude und Dankbarkeit, hat aber auch Zweifel und Angst.

Und weil der "neue" Arbeitstag noch nicht vertraut und selbstverständlich ist, wird er von vielen zunächst als eine extreme Belastung empfunden. Auch wenn nur die wenigsten Führungskräfte dies zugeben. Um diese Irritation so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bekommen, stürzen sich viele Führungskräfte verkrampft in ihre Arbeit, andere greifen zu Alkohol und oder Drogen. Aber weder Arbeitssucht noch Erfolgssucht sind hilfreich. Die Managementberaterinnen Dorothea Assig und Dorothee Echter haben die Verhaltensweisen von beförderten Führungskräften untersucht und festgestellt, dass es typische Verhaltensmuster beim Erfolgsschock gibt. Dabei wird das Verhalten nicht nur durch das innere Ego bestimmt, sondern auch durch das  äußere Umfeld geprägt.  

  • Der Erfolg fordert Führungskräfte zu strengster Disziplin und Perfektionismus heraus. Dieser ist allerdings auf Dauer nicht durchzuhalten. Die perfektionistischen Chefs sind irgendwann überspannt. Sie leiden unter Schlafstörungen, bekommen Angstattacken oder auch Wutanfälle.
  • Die Erwartungen anderer sind für Chefs mit kleinem Ego wichtiger. Die Führungskräfte verzetteln sich, weil sie bloß die (äußeren) Erwartungen erfüllen wollen. Sie verlieren eigene Ziele aus den Augen. Nicht wenige werden krank.
  • Die erfolgsorientierten Führungskräfte tappen in die Leistungsfalle. Sie arbeiten mehr denn je und brennen aus. Manche bekommen Depressionen, andere einen Tinnitus oder sogar einen Herzinfarkt.
  • Angepasste Chefs verhalten sich überdurchschnittlich demütig oder kumpelhaft. Ihr Auftreten wirkt wie Anbiedern. So verspielen sie Glaubwürdigkeit, Durchsetzungsstärke und Überzeugungskraft.
  • Stark selbstkritische Führungskräfte banalisieren ihren eigenen Erfolg und vermuten den wahren Erfolg ganz woanders. Das schwächt sie.
  • Arrogante Führungskräfte heben ab. Sie glauben, intelligenter, wichtiger und besser zu sein als alle anderen. Sie scheitern.
  • Selbstverliebte Chefs isolieren sich selbst. Sie umgeben sich irgendwann nur noch mit Dienstleistern und Angestellten statt mit Freunden.

Um nach dem Aufstieg auch erfolgreich an der Spitze zu bleiben, müssen Führungskräfte ihr Ego, was für den Aufstieg nötig und wichtig war, jetzt unter Kontrolle bringen. Denn wer glaubt, der Mittelpunkt allen Handelns zu sein, konzentriert sich zu sehr auf seinen Status und zu wenig auf seine Weiterentwicklung. Es kommt zur Stagnation. Und sympathisch ist so ein Verhalten auch nicht.

Auch sollte nicht (mehr) wichtig sein, was andere denken oder sich wünschen. Die Führungskraft ist jetzt an einem Punkt, wo es um ihre Werte, Wünsche und Meinungen geht. Wer den Fehler begeht und sich aufgrund von Dankbarkeit oder auch Erfolgsdruck dem Chef – etwa Geschäftsführer oder Vorstand – anzupassen, verliert seine eigene Persönlichkeit aus dem Fokus. Das Risiko zu scheitern wird größer, denn aufgestiegen ist man ja wegen seiner Ideen und seines Know-hows. 

Mit dem eigenen Umfeld auf dem Boden bleiben

Der Weg nach oben führt meist an die persönliche Leistungsgrenze (und auch darüber hinaus). Dieses Tempo ist in der Regel auf Dauer nicht durchzuhalten. Daher sollten Führungskräfte nach dem Aufstieg erst einmal auf die Bremse gehen und durchatmen – um sich mit der nötigen Distanz zu orientieren. Wer dabei Hilfe benötigt, sollte sich nicht isolieren, sondern auf Vertraute setzen. Denn die eigene Denkweise zu ändern, verlangt viel ab. Hier kann auch ein Coaching hilfreich sein.  

Vertraute Personen wie die Familie spielen grundsätzlich beim Aufstieg eine große Rolle. Denn sie vermittelt einer Führungskraft das Gefühl der Zugehörigkeit. Und mit ihnen ist offen über Entscheidungen, Zweifel und Fehler zu sprechen. Wer jedoch selbstgefällig und exzentrisch auftritt, verliert dieses Regulativ.

Zur eigenen Erfolgspersönlichkeit gehören neben der Familie und Freunden auch ein Netzwerk mit Menschen, die den langen Weg des Aufstiegs wohlwollend begleitet und unterstützt haben. Wer sich jetzt von ihnen abwendet, undankbar ist und nur noch Wert legt auf wichtige Kontakte und/oder Untergebene, verliert ehrliche und kritische Gesprächspartner – und im Zweifel auch die Bodenhaftung.

Damit Führungskräfte nicht in die Falle des unreflektierten Egos tappen, brauchen sie Distanz zum eigenen Erfolg, einen unabhängigen Gesprächspartner auf Augenhöhe und eine intensive Selbstreflexion.

Ihre Sabine Hockling