Ich bin 28 Jahre alt, weiblich und ledig. Seit dem Abschluss meines ersten Studiums habe ich bei dem Versuch, "mein Ding" zu machen, zwei Masterstudiengänge ausprobiert, um danach erst mal als Doktorandin fortzufahren. Ich habe auch zwei vergleichsweise harte Umzüge hinter mir. Denn auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ließ ich Familie, Freunde, Bekannte und Netzwerke zurück. Auch frisch geknüpfte Bande wurden für das Streben nach höheren Zielen gleich wieder zertrennt. Trotzdem ist es mir knapp drei Jahre nach meinem Abschluss als Diplom-Designerin immer noch nicht möglich zu sagen, was eigentlich "mein Ding" ist.

Wie konnte es so weit kommen? Ich habe keine Lücken in meinem Lebenslauf. Ich wusste nach dem Abitur, was ich studieren will und wurde sofort an der Fachhochschule angenommen. Mein Studium habe ich, inklusive jeder Menge Auslands- und Berufserfahrung, innerhalb von fünf Jahren durchgezogen. Bis zum Abschluss habe ich das, was ich tue, nie in Zweifel gezogen. Erst danach bin ich in eine Orientierungskrise geraten. "Mach doch einfach dein Ding", wurde mir oft geraten. Angesichts der Tatsache, dass ich gar nicht weiß, was mein Ding ist, empfinde ich diesen Tipp meist als zynisch.

Ich bezeichne meine aktuelle Situation gern als Post-Universitätskrise. Denn was früher direkt nach der Schule für Orientierungslosigkeit sorgte, schlägt mittlerweile immer öfter erst nach dem Studium zu. Die Entscheidung für ein Studienfach fällt vielen von uns leichter als die Wahl für ein Berufsfeld, in dem wir anschließend arbeiten wollen. Denn ein abgeschlossenes Studium gibt immer seltener ein klares Berufsfeld vor. Nach meinem recht abstrakten Designstudium weiß ich zwar, welche Fähigkeiten ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe, aber wie ich sie gewinnbringend auf dem Arbeitsmarkt anbiete und einsetze, ist mir schleierhaft.

In den vergangenen drei Jahren habe ich in unterschiedlichen Agenturen und Berufsfeldern gearbeitet. Ich bin ein klassischer Allrounder, den viele lieber als Quereinsteiger bezeichnen. Ich beherrsche Gestaltungsprozesse, die sich auf sehr viele Inhalte anwenden lassen. Praktisch kann ich alles ein bisschen und das ziemlich gut. Interdisziplinarität wird an den Hochschulen groß geschrieben und sorgt für Durchlässigkeit und Durchmischung in den aufbauenden Master-Studiengängen. Im Berufsleben und auf dem Arbeitsmarkt überwiegt jedoch die Suche nach Spezialisten mit etlichen Jahren Berufserfahrung.

Ich habe oft überlegt, noch mal von vorne anzufangen und etwas Konkreteres zu lernen. Vielleicht hätte ich besser auf meine Eltern hören sollen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich das Studienangebot der Universitäten durchforste. Aber auch jetzt interessieren mich höchstens Kulturwissenschaften, Kunst und Journalistik.

Wenn es nach meinen Eltern ginge, sollte ich schon lange erfolgreich im Berufsleben stehen. Schließlich habe ich studiert. Aber meine Freunde singen ähnliche Klagelieder wie ich, egal wo es sie mittlerweile hin verschlagen hat. Haben wir etwas falsch gemacht? Ich weiß es nicht. Ich bin jedenfalls immer noch optimistisch, dass am Ende doch noch alles gut wird.