Nur ein kurzer Arbeitstag ist ein guter Arbeitstag. Jahrzehntelang kämpften nach dieser Maxime die Gewerkschaften für die Reduzierung der Arbeitszeiten. Doch seit die IG-Metall in den 80er Jahren die 35-Stundenwoche durchgeboxt hat, ist es ruhig an dieser Tarif-Front. Zumindest in Deutschland stehen weitere Arbeitszeitverkürzungen nicht mehr ganz oben auf den Forderungslisten der Gewerkschaften – obwohl die meisten Beschäftigten in Deutschland de facto weit mehr als 35 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz verbringen.

Aber das könnte sich bald ändern, wenn hierzulande Schule macht, was in Schweden gerade getestet wird. Der Stadtrat der zweitgrößten Stadt des Landes, Göteborg, hat unter Führung der Linkspartei (Vänsterpartiet) ein Pilotprojekt in Gang gesetzt, wonach städtische Angestellte nur noch sechs statt acht Stunden täglich arbeiten werden. Bei vollem Lohn sollen 20 bis 30 ausgewählte Angestellte zwei Stunden früher als ihre Kollegen nachhause gehen dürfen. Und Kommunalrat Mats Pilhem, der Urheber des Projekts, ist überzeugt, dass nach einem Jahr feststehen wird: "Wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver".

Karl-Heinz Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik und Deutschlands prominentester Zeitforscher, glaubt, dass aus dem Göteborger Versuch eine größere Bewegung werden dürfte – wenn er sich nicht als totaler Flop entpuppen sollte. Schließlich ist das Volksleiden am allgegenwärtigen "Stress" eines der beherrschenden gesellschaftlichen Themen der Gegenwart. Den alten Kampf der Gewerkschaften für verkürzte Arbeitszeiten wieder aufzunehmen, mag da vielen Betroffenen als erfolgversprechende Lösung erscheinen.

Geißler glaubt im Gegensatz zu Pilhem allerdings nicht, dass Angestellte, die nur sechs statt acht Stunden täglich am Arbeitsplatz verbringen, "weniger gestresst und weniger müde sind". Das Signal der Einführung des Sechs-Stunden-Tages könnte schließlich, so gibt er zu bedenken,  auch folgendermaßen ankommen: "Diese Arbeit ist so furchtbar unterjochend, dass man froh sein muss, ihr zwei Stunden früher zu entkommen." Motivationssteigernd und stressverhindernd ist solch eine Botschaft sicher nicht.

Im Bann des Effizienzdiktats

Dass viele Menschen nicht unbedingt früher raus aus dem Betrieb wollen, haben zum Beispiel die Untersuchungen der amerikanischen Soziologin Arlie Hochschild gezeigt: Weil nämlich außerhalb des Betriebes auf sie möglicherweise ebenfalls Stress wartet. Vermutlich hat der außerberufliche Stress sogar mindestens im gleichen Maße zugenommen, wie der am Arbeitsplatz. Der Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts und Autor von Die erschöpfte Gesellschaft sieht in der "überprogrammierten Freizeit" eine Hauptursache des allgemeinen Erschöpfungszustandes der Deutschen. Die Feierabendaktivitäten vieler Menschen stehen schließlich unter einem ähnlichen Perfektionszwang wie die Erwerbsarbeit: Die Tochter muss zum Ballett gebracht, der Körper muss im Fitnessstudio optimiert und die richtigen Konsumentscheidungen müssen getroffen werden. Und dann warten noch unzählige häusliche und sonstige Pflichten.

Beschleunigung sowohl im Arbeitsleben als auch im Privaten hat der Soziologe Hartmut Rosa als zentrales Merkmal der Gegenwartsgesellschaft ausgemacht: Wir sparen immer mehr Zeit, sind aber nie schnell genug und können die Ersparnis daher nie geniessen. Im Gegenteil sind wir, da Zeit bekanntlich nicht dehnbar ist, zu immer neuer Verdichtung unserer Aktivitäten gezwungen. Geißler und Grünewald sehen darin die entscheidende Ursache für Stress. Die Erschöpfung, die Grünewald den Deutschen diagnostiziert, sei Folge des "multioptionalen Effizienzdiktates, das sowohl die Arbeit als auch die Freizeit bestimmt." Psychische Erschöpfung entstehe nämlich nicht durch Arbeit, die als sinnvoll empfunden wird, sondern wenn sich Menschen als Getriebene widriger Umstände und vielfältiger Ansprüche empfinden, die unaufhörlich auf sie einwirken: Du musst stets mehr leisten, bloß nie stehen bleiben, denn sonst ziehen die anderen uneinholbar an dir vorbei.