ZEIT ONLINE: Frau Becker, Sie sind Mutter von drei Kindern im Alter von sechs und zwei Jahren, das jüngste ist erst fünf Wochen alt. Ihr Mann ist die Woche über im Ausland tätig und Sie als Partnerin in einer Unternehmensberatung. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Job und Familie?

Linda Becker: Es ist ein Seiltanz, der ohne eine gute Organisation nicht möglich wäre. Wir haben ein Au-pair, Kitaplätze mit Ganztagsbetreuung, was hier in Bayern nicht selbstverständlich ist, sowie Großeltern, die ebenfalls einspringen können. Wenn alle Stricke reißen, wird ein Termin auch mal abgesagt, denn am Ende gehen die Kinder vor.

ZEIT ONLINE: So ein Heer an Unterstützung hat seinen Preis. Heißt das: Kind und Karriere nur für die Besserverdienenden?

Becker: Natürlich ist eine solche Unterstützung sehr kostenintensiv. Und gerade am Anfang einer Karriere geht häufig ein Gehalt komplett für die Kinderbetreuung drauf. Besser haben es da die Holländer, Dänen oder auch Belgier. Dort können Paare in der Regel nicht nur ihre Kinder ab der achten Lebenswoche in die Kita geben, es stehen auch genügend bezahlbare Plätze zur Verfügung. Ferner sind Gesellschaft und Unternehmen darauf ausgerichtet, dass Führungskräfte ihre Arbeitszeit temporär reduzieren. Da muss in Deutschland noch einiges passieren, um dieses Niveau zu erlangen.

ZEIT ONLINE: Was zum Beispiel?

Becker: Unternehmen sollten Strukturen schaffen, die es Mitarbeitern ermöglichen, flexibel ein- und auszusteigen. Will eine Führungskraft die Arbeitszeit reduzieren oder eine Auszeit nehmen, ist es in der Regel nur eine Sache der Organisation. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mit der entsprechenden Vorbereitung in vielen Abteilungen und Unternehmen auch für eine gewisse Zeit ohne ständige Präsenz der Führungskraft geht.

ZEIT ONLINE: Und was kann man selbst tun?

Becker: Konsequent sein. Auch wird der Gegenwind weniger, wenn man gefestigt ist. Als ich mein erstes Kind bekam und nach einer kurzen Pause wieder arbeiten ging, hörte ich von meinen männlichen Kollegen häufig: "Das wollen Sie doch gar nicht!"

Die weiblichen Kollegen waren allerdings auch keine Unterstützung. Am Anfang wurden Telefonkonferenzen und Meetings häufig in Zeiten gelegt, wo klar war, dass ich nicht anwesend bin.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gemacht?

Becker: Ich war konsequent. Ich habe die Termine mit dem Hinweis auf meine aktuellen Arbeitszeiten abgesagt oder verschoben.

So etwas muss man aushalten können. Ist aber auch möglich, wenn die innere Einstellung stimmt. Beim ersten Kind war ich auch noch stärker bereit, etwas umzustellen. Heute bin ich sehr klar, wenn es um zeitliche Absprachen geht. Ansonsten würde es aber auch mit drei Kindern nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit dem schlechten Gewissen den Kindern gegenüber? Belastet Sie das?

Becker: Mal ehrlich, die Möglichkeiten, die meine Kinder in der Kita haben, kann ich ihnen zu Hause nicht bieten. Dort haben sie nicht nur Spielkameraden in ihrem Alter. Sie dürfen auch Dinge tun, die ich zu Hause nicht zulassen würde, wie zum Beispiel mit Fingerfarbe rumsauen.

Auch plädiere ich für Qualität statt Quantität. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe, ist sehr intensiv. Dann gilt auch: kein Telefon!

Sehr wichtig finde ich außerdem, dass man sich selbst Zeit einräumt. Denn die Tage beginnen bei arbeitenden Eltern in der Regel sehr früh und enden spät. Dieses Pensum ist nur zu halten, wenn man in regelmäßigen Abständen auch an sich denkt.