Ein einmal eingeschlagener Berufsweg muss nicht endgültig sein. Immer mehr Menschen fangen auch im mittleren Alter noch einmal etwas Neues an.

Als Bettina Kuhn* zu Silke Kienecker ins Coaching kommt, ist die 53-jährige Wirtschaftsprüferin seit Längerem unzufrieden mit ihrem Job. Während der Arbeit mit Kienecker stellt sich heraus, dass Kuhn eigentlich ihren Job mag und auch das Umfeld mit den netten Kollegen schätzt. Der Grund für ihre große Unzufrieden liegt vielmehr darin, dass sie seit vielen Jahren Überstunden schiebt. Und zwar nicht, weil sie mit ihrer Arbeit überfordert ist, sondern, weil sie nicht Nein sagen mag.

Sie arbeitet im Coaching mit Kienecker, die als systemischer Coach und systemische Teamentwicklerin ausgebildet ist, an einer neuen (inneren) Haltung, die ihr einen neuen Start im alten Job ermöglichen soll. Es klappt. Heute sagt Kuhn: "Ich arbeite nur noch in Ausnahmefällen mehr als 32 Stunden pro Woche und sage Nein, wenn mir Aufgaben gegeben werden, die das Pensum übersteigen." Was sich einfach anhört, ist eine echte Herausforderung für sie. Denn sie musste Schritt für Schritt lernen, Grenzen zu setzen und sich zu behaupten. 

Die Auslöser einer Krise im Job können vielfältig sein. Die einen langweilt die Routine, andere sind frustriert von Vorgesetzten, Kollegen oder Aufgaben oder schlichtweg überfordert. Allen gemein ist, dass sie etwas ändern möchten. Aber nicht jeder weiß, wie. Das Modell des lebenslangen Arbeitsplatzes gibt es heute nicht mehr. Die Folge: wir müssen bereit sein für einen Absprung oder Neuanfang. Doch wann ist man reif für einen Neustart?

Der Unternehmensberater Helmut Kreutz hat im Laufe der letzten Jahre viele Führungskräfte bei ihrem Neustart oder ihrer Orientierung beraten und gecoacht. Bevor er mit seiner Arbeit beginnt, rät er jedem, zunächst herauszufinden, was der Auslöser für die Krise ist. Für diese persönliche Standortbestimmung braucht es allerdings Zeit und Ruhe. "Für den Prozess des Bewusstmachens ist es wichtig, dass Betroffene schriftlich festhalten, wie sie ihre aktuelle berufliche und private Situation empfinden. Was gefällt daran und was nicht?", sagt Kreutz. Man solle sich Fragen stellen wie: Was sind meine Stärken? Woran erkenne ich diese Stärken? Und was ist mir wichtig im Leben? So könne man herausfinden, wie der Ist-Zustand ist. Besonders die letzte Frage kann zeigen, dass sich das vielleicht im Laufe der Jahre verändert hat. 

Weiß man um die Situation, geht es daran, herauszufinden, wohin die Reise gehen kann. "Dabei helfen Fragen wie: Wie will ich in fünf bis zehn Jahren leben? Was möchte ich erreicht haben?", sagt Kreutz. Auf diese Weise könnten Betroffene überprüfen, ob die neuen Wünsche zu erfüllen sind und was die Motivation dafür ist.

Auch gute Freunde können helfen

So erging es der erfolgreichen Juristin Meike Walter*, die als Geschäftsführerin einen Studienbereich an der Universität leitete. Der Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter war bereits beschlossene Sache, als die 39-Jährige plötzlich merkte, dass das nicht mehr ihr Weg war. "Ich wusste, ich brauche eine neue berufliche Perspektive und holte mir Unterstützung dafür", sagt Walter. "Im Laufe des Coachings stellte sich heraus, dass Mediation ein Bereich ist, der mich interessiert." Sie machte Nägel mit Köpfen und schrieb sich an der Uni Heidelberg für die wissenschaftliche Weiterbildung Mediation ein. Mittlerweile ist Walter als Mediatorin selbstständig tätig. In der ersten Zeit jedoch noch mit dem Sicherheitsnetz einer Halbtagsstelle in einer Kanzlei. "Diese finanzielle Sicherheit brauchte ich am Anfang noch für mich", sagt Walter.

Wer den Gang zum Coach (noch) nicht möchte, kann auch ohne professionelle Hilfe versuchen, den Neustart anzugehen. "Nicht jeder braucht Impulse von außen, sondern kommt durch das Formulieren selbst auf den richtigen Weg", ist Unternehmensberater Kreutz überzeugt. Eine große Hilfe können hier gute Freunde sein, die das Wissen nicht ausnutzen, die zuhören können und nicht gleich Rezepte parat haben. Bei Führungskräften komme oft hinzu, dass sie häufig einsam seien, wenn es um (ihre) Probleme geht. "Klar sein muss Betroffenen vor allem, dass es in einer verfahrenen Situation Zeit braucht, einen freien Blick für neue Wege zu haben. Viele sind aber mental nicht mehr in der Lage, sich konstruktiv zu bewegen", sagt Kreutz.

Diese Erfahrung machte auch Carmen Füssel*, die vor einer berufsbegleitenden Weiterbildung zur Personalfachkauffrau als Bürokauffrau tätig und dabei sehr unglücklich war. Die Routine und die überwiegende Arbeit am Computer empfand die 46-Jährige als unbefriedigend. Und als sich das Gefühl einstellte, komplett am falschen Platz zu sein, zog Füssel die Notbremse. Sie dachte ernsthaft über Kündigung nach. Auch Füssel nahm ein Coaching für eine berufliche Neuorientierung in Anspruch. Dabei stellte sie fest, dass ihr Kontakt mit Menschen wichtig ist und dass es ihr Spaß macht, andere zu fördern. Als Bürokauffrau hatte sie mit so einer Tätigkeit aber wenig zu tun. Also entschied sie sich für eine berufsbegleitenden Weiterbildung zur Personalfachkauffrau. Ihr Arbeitgeber fand so viel Engagement gut: Nach der Fortbildung konnte Füssel innerhalb ihres Unternehmens in die Personalabteilung wechseln. Heute ist sie dort für die Personalentwicklung zuständig und erarbeitet unter anderem Weiterbildungskonzepte.

*Name von der Redaktion geändert