ZEIT ONLINE: Frau Ederer, Sie zählen zu den erfolgreichsten Wirtschaftslenkerinnen in Europa. Welche Hürden hatten Sie in Ihrer Karriere?

Brigitte Ederer: Ich würde weniger von Hürden sprechen. Aber ich habe einen Preis für meine Karriere gezahlt, nämlich die Kinderlosigkeit. Es ist immer noch die Mutterschaft, die Brüche in den Erwerbsbiografien von Frauen hervorruft. Besonders in Deutschland und in Österreich. In anderen Ländern – etwa in Skandinavien – ist das anders. Aber auch bei unseren Nachbarn in Frankreich gehen Mütter oft schon zwei Monate nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten. Dort gibt es Kinderkrippen schon für die Kleinsten, und ich habe nicht den Eindruck, dass die Kinder darunter leiden.

ZEIT ONLINE: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hierzulande so schwer ist?

Ederer: Es gibt in Deutschland und Österreich eine Tradition, die die Frauenbeschäftigung an sich sehr behindert. Die Gesellschaft hat mir zweimal in meinem Leben ein schlechtes Gewissen gemacht. Das erste Mal, als ich zwischen 30 und 40 war und man mich fragte: "Kriegst du keine Kinder?" Das zweite Mal, als vor einiger Zeit meine Mutter ins Pflegeheim gekommen ist. Damals wurde ich oft gefragt: "Pflegen Sie Ihre Mutter nicht selbst?" 

ZEIT ONLINE: Was raten Sie jungen Frauen, die eine Führungsposition anstreben?

Ederer: Da gibt es keine generellen Ratschläge, das hängt stark von der individuellen Situation ab. Auf alle Fälle muss man gestalten wollen, ein inhaltliches Ziel vor Augen haben, das man erreichen will, und man muss die Ausdauer für das Bohren harter Bretter haben.

Gleichzeitig braucht es eine gewisse Gelassenheit, wenn man Ziele nicht erreicht. Man muss akzeptieren, dass man es nicht planen kann, eine bestimmte Position zu erreichen. Ich habe bis auf eine einzige Position keinen der Posten angestrebt, die ich innehatte.

ZEIT ONLINE: Welche Position war das?

Ederer (lacht): Das sage ich erst, wenn ich in Rente bin. Ich denke auch, dass es in jedem Job spannende Dinge gibt und andere Dinge, die einfach nur die "Mühen der Ebene" sind, in denen Sie denken: Warum tue ich mir das an? Das hat es bei mir auch immer gegeben. Da sollte man gelassen sein.

ZEIT ONLINE: Welche Chancen liegen im demografischen Wandel für die Arbeitsbedingungen von morgen?

Ederer: Im Moment bin ich eher pessimistisch. Vor allem, was die Chancengerechtigkeit angeht. 22 Prozent der Menschen in Europa bleiben hinter dem Bildungsniveau ihrer Eltern zurück. Die Wahrscheinlichkeit, seine eigene Bildungsstufe verlassen und aufsteigen zu können, ist heute geringer als in den siebziger und achtziger Jahren.

Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass in Zukunft mehr Frauen berufstätig sein werden und auch bleiben wollen. Daher wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch mehr an Bedeutung gewinnen. Hierfür müssen besonders in Deutschland Rahmenbedingungen geschaffen werden. Auch für junge Väter.

ZEIT ONLINE: Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Ederer: Ich glaube, in Zukunft wird Arbeit flexibler werden und weniger an Ort und Zeit gebunden sein. Das bedeutet auch, dass wir ein gewisses Sich-Zurücknehmen des Einzelnen und eine größere Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit brauchen. Sonst besteht hier die Gefahr, dass es einige mit der Pflichterfüllung übertreiben und sich selbst ausbeuten. Diese Selbstdisziplin muss als Gesellschaft gelernt werden. 

ZEIT ONLINE: Müsste die ständige Erreichbarkeit strenger reguliert werden?

Cover von "Architekten der Arbeit" © PR: edition Körber-Stiftung

Ederer: Ich halte es für wünschenswert, dass man dann arbeitet, wenn es für einen am besten passt. Wenn der Ort und der Zeitpunkt, wo und wann Arbeit stattfindet, nicht mehr so wichtig ist, gibt uns das eine größere Flexibilität. Ich glaube schon, dass dies die Arbeitswelt verbessert. Wenn ich frühmorgens am Flughafen in München sitze, erlebe ich oft folgendes Szenario: Die meisten Passagiere arbeiten morgens um 7 Uhr am Gate am Laptop. Da kommt es mir bisweilen verrückt vor, wenn manche die Arbeit von unterwegs noch regulieren wollen. Ich kann doch nicht zu jemandem, der um 7 Uhr morgens beim Warten auf den Flieger arbeiten möchte, sagen: Nein, das dürfen Sie jetzt nicht! Wir müssen hier die Realitäten anerkennen. Daher brauchen Sie in den sozialpartnerschaftlichen Gremien auch Personen, die in diesen lebensweltlichen Fragen auf der Höhe der Zeit sind. Die zumeist über 60-jährigen Männer in solchen Gremien verhandeln anders über das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, als es 20- oder 30-Jährige machen.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig sehen Sie die Gefahr, dass viele sich aufreiben.

Ederer: Ja, denn es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Burn-out und Perfektionismus. Gerade junge Leute sind heute so aufgewachsen, als wäre alles möglich. Es ist aber nicht alles möglich. Man kann nicht einen sehr spannenden Job haben, sehr gut verdienen, Kinder haben, eine vollkommen funktionierende Familie und dann abends ausschauen wie Claudia Schiffer. Das wird nicht klappen. Diese Erkenntnis ist der heutigen Gesellschaft fast am schwierigsten zu vermitteln. Darin sehe ich die große Herausforderung.