Die Chancenungleichheit könnte künftig noch zunehmen, warnt der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani. © trepavica / photocase.com

Herr Müller bewirbt sich um einen neuen Job. Aufgrund seines Lebenslaufes und seiner Zeugnisse, vielleicht noch Aussagen früherer Arbeitgeber erstellt ein Computerprogramm eine Prognose, die Müllers berufliche Fähigkeiten und Karrierechancen darstellt. Wenn er die richtige Datengrundlage hat, macht er Karriere. Hat er die falschen Daten, wird er aussortiert und bleibt chancenlos.

Was nach Science-Fiction klingt, ist möglich. Schon heute sortieren Programme Bewerbungen vor und Kandidaten aus, wenn das Matching nicht übereinstimmt. In Zukunft wird sich fraglos unsere Definition von Privatheit wandeln. Die Konsequenz könnte sein, dass einem 20-Jährigen sein beruflicher Werdegang durch verschiedene Beurteilungsprogramme vorgegeben wird, deren Prognosen neben seinen Schulnoten und Ausbildungsdaten auch auf der Auswertung seiner Netzaktivitäten beruhen. Ein Ausbruch aus einem so vorgezeichneten Pfad wäre dann kaum möglich. Algorithmen würden dann über ganze Lebensläufe bestimmen.

Ein Szenario wie dieses macht den meisten Deutschen Angst. Denn hierzulande ist die Kritik an der digitalen Gesellschaft vor allem auf den Schutz der Privatsphäre vor dem Ausspähen staatlicher und privater Institutionen fokussiert. Kein Wunder: Die Deutschen sind geprägt durch die Erfahrung mit zwei politischen Diktaturen, die unter anderem auch mithilfe der Kollaboration von Teilen der Bevölkerung in diesen Bereich eindrang. So verständlich eine solche Sichtweise ist, sie verstellt den Blick auf eine vielleicht sogar wichtigere Bedrohung unserer Individualität, nämlich die, unsere Geschicke nicht mehr selbstbestimmt zu entscheiden und unsere Biografien durch Algorithmen steuern zu lassen.

Denn was genau ist im digitalen Zeitalter noch privat? Die Veröffentlichungen von Informationen, die wir bewusst freigeben oder aber durch unsere passiven Spuren in digitalen Sphären hinterlassen, nehmen von Umfang und Qualität her zu. Damit schränkt sich unser privater Rückzugsraum aber auch immer mehr ein. Wir sind auf dem besten Weg in eine Post-Privacy-Phase, wie es Christian Heller in seinem gleichnamigen Buch vorhersieht. Eine Phase, in der wir mit geänderten und verringerten Privatsphären leben lernen müssen.

Stellt man nun das Aktive, also die selbstbestimmte Interaktion und die Kollaboration mit anderen in den Vordergrund und nicht die des Rückzugs in das Private, so bekommt der Konflikt zwischen Individuum und digitalen Medien und Institutionen eine zusätzliche Dimension: Unsere Schritte, unsere Kollaborationen, ja unsere gesamte Biografie werden berechenbar und vorhersehbar. Unsere Individualität und Selbstbestimmung wird angegriffen durch Algorithmen, die unser Verhalten vorhersagen. 

Wenn Computer über Karrierewege entscheiden

Man könnte hier natürlich entgegnen, dass unser Leben auch heute durch Faktoren, die wir kaum beeinflussen können, vorherbestimmt ist (etwa Geburtsort, Geschlecht, Einkommen und Status der Eltern, Schulen). Wir verwenden bei der Evaluierung unserer Mitmenschen zwar keine Computeralgorithmen, aber implizite Persönlichkeitstheorien. Diese helfen uns, unser Gegenüber auf Basis von erkennbaren Fakten und unseren Erfahrungen und damit auch Vorurteilen einzuschätzen und seine Handlungen zu antizipieren.

Alles das hat auch schon heute Auswirkungen und führt zu Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Denn schon heute studiert das Arbeiterkind in Deutschland seltener und die Chancen eines Arbeiters, Manager zu werden, sind deutlich geringer als für jemanden, der bereits aus der Oberschicht kommt.

Durch die immer kostengünstigere Erfassung und Auswertung unserer Tätigkeiten und unserer Spuren in den sozialen Medien erreichen derartige Prognosen aber nun eine wissenschaftliche Fundierung, Verbreitung und damit Gültigkeit, die sie bis dato nicht hatten.

Machen wir uns nichts vor: Die neue Wissenschaft der Person Analytics wird früher oder später Einzug in die Unternehmen halten. Hier werden Prognosen über den Erfolg von Mitarbeitern oder Bewerbern im Unternehmen auf Basis der verfügbaren Informationen (Projekte, Feedback aus der Crowd, Ergebnisse bei Online-Spielen, absolvierte MOOC’s etc.) generiert und so wichtige Entscheidungen wie etwa Einstellung und Beförderung automatisiert.

Diese Systeme sind heute schon so komplex, dass mangelnde Datensätze durch andere Parameter substituiert werden können, ohne dass man immer die Zusammenhänge verstehen muss und kann. Eine Personalvermittlung, die weltweit IT-Entwickler sucht und evaluiert, konnte mangelnde Spuren der Entwickler im Netz (wenn diese beispielsweise an keinem öffentlichen Open-Source-Projekt teilnahmen) durch das Wissen kompensieren, dass erfolgreiche Programmierer eine bestimmte japanische Manga-Webseite besuchten. Der Zusammenhang zwischen dem Besuch dieser Website und guten Programmierfähigkeiten ist natürlich nicht erklärlich, aber statistisch nachweisbar.

Völlig offen erscheint heute noch, wie wir und unser Selbstbewusstsein mit diesen algorithmischen Festlegungen umgehen können. Wenn ich (und andere) die Zukunft kenne, kann ich sie dann auch noch ändern? 

Zu befürchten ist, dass bei vielen Menschen diese Determinierungen nicht mehr umkehrbar oder negierbar sein werden. Und es bleibt daher vielleicht so, wie es immer schon war: Der Ausbruch aus vorgezeichneten Bahnen ist ein Wagnis und wenn ich den Schleier des Unwissens stets gelüftet habe, werde ich wohl bestimmte Dinge einfach nicht mehr tun bzw. bekomme hierzu keine Chancen mehr, weil sie statistisch aussichtslos sind.