Familie, Beruf, Freunde – man muss nur diszipliniert und organisiert genug sein, dann ist doch heute alles möglich, dann ist alles zu vereinbaren. Dies ist eine Lüge. "Vereinbarkeit": Allein das Wort ist eine Beschönigung. Denn es gibt nur ein Nebeneinander zweier völlig unterschiedlicher Lebensbereiche, die sich, wenn man sie gleichzeitig ausübt, einfach addieren. Weil sie genau dieselben Anforderungen an uns stellen; in der Familie und im Beruf sollen wir allzeit verfügbar, flexibel und immer auf die Sache konzentriert sein. Solange der Tag nur 24 Stunden hat und man zwischendurch auch noch schlafen und essen möchte, kann das nicht gut gehen. Und so hat es letztlich nur mit den individuellen Lebensumständen, dem Umfeld und der Leidensfähigkeit jeder und jedes Einzelnen zu tun, wann genau das Fass überläuft.

Der Alltag moderner Familien ist oft genug ein Kraftakt. Es wird gefeilscht und gestritten, verteilt und verhandelt wie sonst nur auf dem Basar: Wer macht was, wie, wann? Beim Frühstück erfahren dann die Kinder, wie die Woche läuft. Auch wir haben lange geglaubt: Das muss so sein. Wer will, der kann auch. Alles eine Frage der Organisation. Unvorhergesehenes durfte dabei allerdings nicht passieren. Plötzlich auftretendes Fieber, nächtliche Magen-Darm-Infekte oder gar ein gebrochener Arm führten bei uns direkt in die Orga-Katastrophe. Da wurde hektisch telefoniert und oft genug nachts an der Badezimmertür gestritten, wer morgen die wichtigeren Termine hat.

Was wir uns dabei nur selten gefragt haben: Wie geht es eigentlich unseren Kindern dabei? Sind sie damit einverstanden, immer funktionieren zu müssen? Fühlen sie sich wohl damit, während der Grippe die Babysitterin bei sich zu haben, weil Mama und Papa wieder einmal Wichtigeres zu tun haben? Über ihre Bedürfnisse wird bei der ganzen Vereinbarkeitsdebatte selten gesprochen. Als wäre es selbstverständlich, dass Kinder genau wie Erwachsene zu funktionieren haben. Wir geben ihnen häufig einen Takt vor, der eigentlich unserer ist, und vergessen dabei, was sie wirklich brauchen: Zeit, Muße und eine sichere Bindung, um das Leben in seiner ganzen Vielfalt kennen und begreifen zu lernen.

Alles eine Frage der Organisation?

Wahrscheinlich nehmen wir so wenig Rücksicht darauf, weil wir selbst unsere eigenen Gefühle bei der Frage, wie wir Beruf und Familie organisieren wollen, viel zu oft zurückstellen. Bestes Beispiel für diese inneren Konflikte ist die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder. Als sie nach zehn Wochen Mutterschutz wieder ins Ministerium zurückkehrte, versuchte sie, das als gutes Beispiel für die Vereinbarkeit zu verkaufen. Sie und ihr Mann (Staatssekretär) seien ja in der privilegierten Lage, sich mit ihren guten Gehältern eine allumfassende Betreuung für ihr Kind leisten zu können. Erst bei ihrem Rückzug aus dem Ministeramt erklärte sie, sie habe zu viele schöne Momente mit ihrer Tochter verpasst – und das tue ihr weh.

Nein, das ist kein Plädoyer für die Vollzeitmutter oder den Vollzeitvater. Es gibt einen Haufen Studien, die belegen, dass glückliche Kinder auch bei Eltern aufwachsen, die beide arbeiten. Es ist aber ein Plädoyer dafür, die Bedürfnisse von Familien nach Nähe und Zeit füreinander ernst zu nehmen. Denn eine perfekte Organisation ist eine notwendige, aber bestimmt keine hinreichende Bedingung für die vermeintliche Vereinbarkeit. Sie bedeutet lediglich, dass man viel arbeiten kann und die Kinder versorgt sind. Anteil zu nehmen an ihrer Entwicklung, für sie da zu sein, wenn sie einen brauchen, ermöglicht perfekte Organisation noch lange nicht.

Powerfrauen machen keinen Mut, sondern Druck

Da hilft es auch nicht, wenn immer wieder kluge, erfolgreiche, glückliche und reiche Firmengründerinnen, Bundesministerinnen und Vorstandschefinnen Bücher über ihren Willen zum Erfolg schreiben. Oder sich mit so aufmunternden Sätzen zitieren lassen, wie die Gruner-und-Jahr-Chefin und Mutter von Zwillingen Julia Jäkel: In meiner Position kann ich Kinder und Karriere so gut vereinen, weil "ich einen Mann habe, der mit anpackt. Ein Umfeld, das mir Hilfe bietet. Und ein modernes Unternehmen." Bedingungen, von denen die meisten berufstätigen Mütter nur träumen können.

Diese Powerfrauen sind Frauen, die man nicht wirklich gut leiden kann, aber heimlich ein bisschen beneidet. Weil sie Kraftpakete zu sein scheinen, die so gut wie nie müde, hungrig oder überarbeitet sind. Und dabei immer ausgeschlafen wirken und top frisiert sind. Da kann man noch so oft sagen: Die haben ja auch viel Geld und zig Angestellte, daran messen wir uns erst gar nicht. Powerfrauen liefern den Sound zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hey – dröhnt es aus allen Richtungen –, ihr müsst euch alle nur genügend anstrengen, dann seid ihr auch multitaskingfähig, unkaputtbar und leistungsstark. Der Druck, der dadurch auf die vielen Mütter und Väter entsteht, die verzweifelt versuchen, allen Anforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, ist enorm.

Interessant wäre, wenn diese glatte Fassade einmal Risse bekäme, wenn durchschimmern würde, dass auch Powerfrauen Selbstzweifel und Ängste haben, dass bei ihnen auch nicht alles so glatt läuft und ihr Aufstieg einen Preis hat. Was für eine Erleichterung könnte das sein für die vielen, vielen Männer und Frauen, die weit entfernt davon sind, eine solche Karriere zu machen. Die einfach nur berufstätig sind, häufig genug in Teilzeit, und trotzdem nicht wissen, wie sie das mit ihren Kindern unter einen Hut bekommen. Die glauben, andere bekommen die Vereinbarkeit von Familie oder auch nur Beziehung und Beruf locker hin – nur sie selber nicht.

Wie wir leben wollen

Dabei wäre Ehrlichkeit schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Geben wir doch endlich zu, dass in den meisten Fällen entweder der Beruf oder die Familie leidet, wenn wir versuchen, beides gleichzeitig zu leben.

Hören wir endlich auf, die "Vereinbarkeit" als ein rein individuelles Problem zu sehen, an dem jeder und jede aus persönlicher Unzulänglichkeit verzweifelt. Schauen wir uns genau an, unter welchen Umständen Familien in Deutschland diesen Spagat leben müssen – und ändern wir diese, bevor wir Eltern weiter auffordern, sich selbst und ihre Kinder immer weiter zu optimieren. Erkennen wir an, dass Familienarbeit eine ernstzunehmende, aufwändige und gesellschaftlich existentielle Arbeit ist – und hören wir auf, diejenigen zu bestrafen, die sich dafür entscheiden – oft genug ja nur für eine begrenzte Zeit. Hören wir auf damit, nur Erwerbsarbeit einen Wert beizumessen, weil diese Haltung alle anderen Arbeiten gnadenlos entwertet. Machen wir die Gesellschaft fit für die On-off-Biografie! Einen Lebenslauf also, in dem Phasen der Erwerbsarbeit immer wieder mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können, von der Gesellschaft getragen und den Unternehmen gefördert. Denn nur so können wir dem Fachkräftemangel begegnen und gleichzeitig Menschen Mut zur Familie machen. Viel zu viele hat dieser Mut längst verlassen.