Ich habe Zweifel an dem Arbeitszeugnis eines Bewerbers. Darf ich bei seinem ehemaligen Arbeitgeber anrufen?, fragt Vincent Harms.

Sehr geehrter Herr Harms,

zunächst einmal: Sie dürfen den ehemaligen Arbeitgeber eines Bewerbers nur anrufen, wenn Sie von dem Bewerber die Erlaubnis dafür erhalten. Der Bewerber kann Umfang und Gegenstand der zu erteilenden Auskünfte selbst bestimmen. Ein Auskunftsrecht des Arbeitgebers ohne Einwilligung des Arbeitnehmers ist nach meinem Dafürhalten datenschutzrechtlich problematisch. Dies folgt zum einen aus dem informationellen Selbstbestimmungsrecht und zum anderen aus der nachwirkenden Treue- und Fürsorgepflicht des alten Arbeitgebers.

Erhalten Sie die Erlaubnis, sollten Sie sich gut überlegen, was Sie wissen möchten. Umso sensibler Sie vorgehen, desto auskunftsfreudiger wird der Ex-Arbeitgeber in der Regel sein. Ratsam ist daher, mit allgemeinen Fragen – beispielsweise nach der Tätigkeitsbeschreibung oder der Dauer der Beschäftigung – zu beginnen. Grundlage für die zu stellenden Fragen sollte das Arbeitszeugnis sein.

Reden Sie aber auch nicht unnötig lange um den heißen Brei herum, sondern benennen Sie relativ bald Ihre Befürchtungen. Gerade die erste Reaktion auf Ihre Befürchtung wird in der Regel authentisch sein, da der Ex-Arbeitgeber damit im Zweifel nicht gerechnet hat. Liegen Sie richtig, wird er zögern oder irritiert reagieren. Damit aber keine Missverständnisse entstehen, sollten Sie im Zweifel noch einmal gezielt nachfragen.

Rechnen Sie aber auch damit, dass der Ex-Arbeitgeber – trotz dem ihm obliegenden Wahrheitsgebot – schlecht über seinen ehemaligen Mitarbeiter spricht, weil dieser vielleicht das Unternehmen verlassen und so eine schmerzhafte Lücke hinterlassen hat. Zwar ist es aus rechtlicher Sicht heikel, wenn ein Ex-Arbeitgeber so reagiert, dennoch zeigt die Praxis, dass das durchaus vorkommen kann.

Eine Führungskraft beispielsweise bekam eine Stelle nicht, da die Äußerung ihres ehemaligen Arbeitgebers auf Nachfrage des "neuen" Arbeitgebers negativ war und nicht vollumfänglich der Wahrheit entsprach. Bezüglich des Zeugnisses äußerte der ehemalige Chef, dass dieses im Zuge einer arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung zustande kam. Daraufhin bekam die Führungskraft den Posten nicht. Sie verklagte ihren ehemaligen Arbeitgeber und erhielt Recht (Landesarbeitsgericht Hamburg, Az.: 2 Sa 144/83). Erteilt ein Arbeitgeber über seinen früheren Arbeitnehmer schuldhaft fehlerhafte Auskünfte und führt dies dazu, dass ein zur Einstellung bereiter Arbeitgeber wegen der vom ehemaligen Arbeitgeber erteilten Auskünfte Abstand von der beabsichtigten Einstellung des Arbeitnehmers nimmt, so kann dieser vom ehemaligen Arbeitgeber Schadensersatz für den beim neuen Arbeitgeber entgangenen Verdienst verlangen (so schon LArbG Frankfurt/Main vom 20.12.1979).

Und in jedem Fall steht dem Mitarbeiter sowohl gegenüber dem Anfragenden als auch dem Auskunftserteilenden ein Informationsrecht hinsichtlich der erteilten Auskünfte zu.

Ihr
Ulf Weigelt