Menschen brennen aus, Mitarbeiter brennen aus – können auch Unternehmen ausbrennen? Darüber diskutieren wir heute mit Ihnen in der Live-Debatte ab 14 Uhr hier im Kommentarbereich.

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet: offensichtlich ja. Zumindest zeigen das die Studien von Heike Bruch, Professorin und Direktorin am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen. Seit Jahren untersucht die Managementexpertin im Rahmen der Top-Job-Trendstudien den Energiepegel in mittelständischen Unternehmen mit bis zu 5.000 Mitarbeitern. In den letzten Jahren nahmen Bruch und ihr Team so über 700 Firmen und mehr als 100.000 Mitarbeiter unter die Lupe.

Dabei stellten die Forscher fest: Fast die Hälfte der untersuchten Firmen zeigt einen gewissen Energieschwund, der mit dem vergleichbar ist, den Menschen erleben, wenn sie sich auf der Erschöpfungsspirale abwärts in Richtung Burn-out bewegen. Die Produktivität geht zurück. Das Unternehmensklima ist von Misstrauen geprägt. Viele Beschäftigte fühlen sich erschöpft und resigniert. Der Wunsch zu kündigen steigt um fast 300 Prozent im Vergleich zu anderen Unternehmen. Auf diese Weise kann ein Unternehmen selbst gewissermaßen ausbrennen.

Die Mitarbeiter in den erschöpften Unternehmen klagen vor allem über mangelnde Ressourcen, ständigen Zeitdruck, fehlende Erholungsphasen und Umstrukturierungen ohne Ende. 83 Prozent sehen "kein Licht am Ende des Tunnels".

Unternehmen in der Beschleunigungsfalle

Die Ursache für diese kollektive Erschöpfung im Betrieb sieht Forscherin Bruch in zu viel Druck und Tempo vonseiten der Geschäftsleitung. Solche Unternehmen seien in eine Beschleunigungsfalle getappt. "Solche Unternehmen überlasten ihre Mitarbeiter mit einem Zuviel an Aufgaben und Veränderung, für die nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, verlieren den Fokus durch fehlende Priorisierung und bewegen sich permanent an der Leistungsgrenze ohne Aussicht auf Regeneration", sagt die Managementprofessorin.

Häufig stünde am Anfang dieser Entwicklung eine tatsächlich sinnvolle und notwendige Beschleunigung. Weil der Druck am Markt stiege, hätten die untersuchten Unternehmen meist in schneller Folge neue Produkte auf den Markt gebracht, die Innovationsprozesse angetrieben und mehrere Projekte zeitgleich gestartet. "Eine Zeit lang funktioniert das prima", sagt Bruch. "Aber allzu oft möchten Firmenchefs das rasante Tempo zum Normalzustand machen." Dann werde aus dem Leistungsschub eine chronische Überlastung.

Auch Nick Kratzer, Soziologe am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München und Experte für das Spannungsfeld Arbeit und Gesundheit, hat beobachtet, dass viele Unternehmen sich nicht erreichbare Ziele stecken und es so zu einer systematischen Überbelastung der Belegschaft kommen kann.

Erst satte Gewinne – dann werden die Mitarbeiter krank

Bevor dies der obersten Führungsriege im Unternehmen allerdings auffällt, vergeht meist sehr viel Zeit, in der die Beschäftigten mitunter schon massiv leiden. Viele Arbeitnehmer versuchen allerdings, noch lange mitzuhalten. Dieses kollektive Ranklotzen beschert dem Unternehmen häufig noch satte Gewinne. Höchstens der Betriebsrat schlägt Alarm, weil die Zahl der Langzeitkranken zunimmt – ein typisches Zeichen für zu viel Stress.  

IT-Unternehmen, die Automobilindustrie oder Investmentbanken sind typische Vertreter dieser Art von Turbokapitalismus. Paradox daran: Viele der betroffenen Unternehmen bieten trotz des Drucks ihren Mitarbeitern oft Gesundheitsprogramme und andere Annehmlichkeiten. Nicht wenige ergattern sogar Preise als beliebteste Arbeitgeber. Nach außen wirken diese Firmen, als würden sie gesunde Arbeitsplätze bieten. 

Die Erschöpfungsspirale hat auch oft selbst dann schon begonnen und belastet die Beschäftigten, wenn diese noch keine Symptome einer Überlastung zeigten, das Betriebsklima noch stimme und die jeweiligen Aufgaben prinzipiell gut zu den einzelnen Mitarbeitern passten, zeigt die Top-Job-Trendstudie. Ganz offensichtlich könnten ein prinzipiell gutes Arbeitsklima oder auch Möglichkeiten für Sabbaticals, Teilzeit oder Angebote für Gesundheitsförderung nicht ausreichend einem Dauerstress entgegenwirken, sind sich die Forscher sicher. 

Was ist zu tun?

Ein Unternehmen funktioniert in gewisser Weise wie ein atmender Organismus: Er kann über einige Zeit schnell laufen, aber wenn er außer Atem ist, benötigt auch eine Organisation erst einmal Ruhe. Wenn die Führungskraft jedoch immer nur auf die Leistungsvorgaben oder neue Ziele schaut und nicht mitbekommt, wie es ihren Mitarbeitern damit geht, ist das mit einem übertrainierten Sportler vergleichbar, der nicht im Dialog mit seinem Körper steht. Beide verpassen die richtige Balance zwischen Anstrengung und Erholung und produzieren am Ende Verluste und Verletzungen.

Was aber zeichnet ein gesundes Unternehmen aus? Manche Faktoren sind inzwischen sehr gut untersucht und belegt. Doch noch gibt es wenige verbindliche Empfehlungen für Unternehmen, die sich daraus ableiten. Deshalb hat die Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG) 2013 ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem die besten Langzeitstudien rund um die Zusammenhänge Stress und Arbeitswelt ausgewertet wurden.

Diese Analyse zeigt wissenschaftlich fundiert, welche Maßnahmen im Betrieb tatsächlich den Stresspegel senken und der Gesundheit nutzen: Entspannungskurse oder Trainings, die den Umgang mit Stress schulen, sind demnach durchaus wirksam. Aber eben nicht allein. "Gute Effekte hat die Qualifizierung von Führungskräften", heißt es in dem Papier. Denn die Vorgesetzten steuern maßgeblich, welcher Druck bei den Beschäftigten ankommt. Sie können mit einem wertschätzenden Führungsstil den Stresspegel senken. Wichtig sind demnach Raum für Erfolge, ausreichende Erholungsphasen und die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung.

Wenn eine Firma den Stress abschütteln will, brauche sie demnach außerdem eine durchdachte Mitarbeiterbeteiligung, ein systematisches Vorgehen sowie die strukturelle Verankerung der Gesundheitsförderung. Einmalige Aktionen bringen dagegen wenig.