ZEIT ONLINE: Herr Kagermann, wie werden wir in Zukunft arbeiten? 

Henning Kagermann: Wir haben in Deutschland über Jahrzehnte die Prozessoptimierung und Standardisierung in den Mittelpunkt gestellt. In Zukunft werden Individualisierung und Flexibilität in den Vordergrund rücken. Sowohl individuelle Produkte als auch individuelle Dienstleistungen werden die großen Themen sein. Für die einzelnen Mitarbeiter bedeutet das: Mehr Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung und ein hoher Bedarf kontinuierlicher Weiterbildung. Mitarbeiter werden nicht mehr in gleichförmige Prozesse eingearbeitet, sondern in die Lage versetzt, individualisierte Fertigungsprozesse und Dienstleistungen zu steuern.

ZEIT ONLINE: Der Mensch wird wieder eine stärkere Rolle spielen?

Kagermann: Ja, auch in dieser Hinsicht ist Industrie 4.0 ein neues Paradigma. Früher galt: Je besser man etwas standardisieren kann, desto eher kann man es auch automatisieren. Das haben wir in den letzten Jahrzehnten recht gut hinbekommen. Jetzt geht es darum, den nächsten Schritt zu tun. Es wird weniger vorgeschriebene Arbeitsschritte geben, und die Arbeitsinhalte werden häufiger wechseln. Teamarbeit wird noch wichtiger. Kollaboration ist das treffende Schlagwort für die Arbeit von morgen. Und zwar nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Mensch und Maschine. Durch das Kollaborative werden sicher auch die "weichen" Fähigkeiten wichtiger, also soziale und kommunikative Kompetenzen. Auch werden wir in den Unternehmen in Zukunft eine höhere zeitliche, räumliche und inhaltliche Flexibilität der Mitarbeiter haben. Flexibilität ist immer eine Herausforderung. Doch wenn wir es richtig angehen, können daraus auch eine Antworten auf den demografischen Wandel resultieren.

ZEIT ONLINE: Wie wird das Internet der Dinge unser Leben, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft verändern?

Kagermann: Ich bin sicher, dass es die prägende Infrastruktur der nächsten Dekaden sein wird. Sie ist gekennzeichnet durch eine noch nie dagewesene Vernetzung über das Internet. Für 2020 erwartet man die Vernetzung von 6,5 Milliarden Menschen und 18 Milliarden Objekten. Das Internet der Dinge verbindet nicht nur Menschen, sondern eben auch die Dinge. Es führt zu einem Verschmelzen der realen mit der virtuellen Welt, also die Verbindung von Cyberspace mit dem physischen System zu sogenannten Cyber-Physical-Systems. So wird auch eine vierte industrielle Revolution ausgelöst. Produkte haben ein Gedächtnis, wissen, wie sie hergestellt werden, beobachten ihr Umfeld und werden so aktive Komponenten im Produktionsprozess. Maschinen werden autonomer werden, kennen unter anderem ihre Kapazitätsauslastung und können untereinander verhandeln.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Arbeitswelt?

Kagermann: In einer Smart Factory wird die Produktionslogistik auf den Kopf gestellt. In ihr arbeiten Menschen, Maschinen und Ressourcen zusammen wie in einem sozialen Netzwerk. Dies erfordert mehr lokale Informationsverarbeitung, die über das Internet integriert wird, und damit auch mehr Dezentralisierung und Selbstverwaltung. Intelligente Produkte werden zu Plattformen für neue innovative Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, nachdem sie die Fabriken verlassen. Wenn wir diese neue Qualität frühzeitig erreichen, erhöhen wir die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Ich gehe davon aus, dass daraus neue Wachstums- und Wertschöpfungsimpulse entstehen und der Aufbruch in die Industrie 4.0 hochwertige Arbeitsplätze sichert und neue schafft. Entscheidend ist aus meiner Sicht dabei immer die Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Die Entscheidung über die richtige Auswahl unter einer Vielzahl technologiegetriebener betrieblicher Handlungsoptionen wird immer bei den einzelnen Mitarbeitern liegen. Teams müssen in Zukunft nicht am selben Ort sein: Man ist virtuell miteinander verbunden. Insgesamt wird die Arbeitswelt deshalb flexibler, aber auch noch schnelllebiger werden.

ZEIT ONLINE: Schon heute leiden viele Berufstätige unter Dauerstress. Wie soll man in so einer Arbeitswelt gesund bleiben?

Kagermann: Das Negativszenario der neuen zeitlichen Flexibilität sähe so aus: Die Maschine diktiert mir ständig, wann ich wo sein muss. Das Handy diktiert mir selbst noch nachts sagt: "Du musst deinem Chef antworten." Das Positivszenario: Man dreht die zeitliche Flexibilität um, und der Mitarbeiter entscheidet selbst darüber, wann er verfügbar ist. Der Mitarbeiter muss nicht um 8 Uhr am Arbeitsplatz sein und seine acht Stunden auch dann abarbeiten, wenn es nicht nötig ist. Das widerspräche auch der Tatsache, dass wir eine höhere zeitliche Flexibilität der einzelnen Mitarbeiter im Arbeitssystem integrieren müssen, um eine bessere Work-Life-Balance für möglichst viele Arbeitnehmer verwirklichen zu können, um die Arbeit demografiefest zu machen. Darin liegt auch eine große Chance.

ZEIT ONLINE: Die von Ihnen geschilderten Zukunftsszenarien beziehen sich auf die forschungsintensiven Branchen wie etwa die Elektroindustrie. Aber was heißt das alles für den Alltag der Menschen?

Kagermann: Im Gesundheitsbereich wird sich die Medizin personalisieren, Patienten werden stärker eingebunden. Es gibt heute schon Ärzteportale, die Ihnen innerhalb weniger Minuten eine erste Diagnose liefern. Sie könnten in Zukunft ihre Daten kontinuierlich aufzeichnen und beobachten. Daraus lässt sich dann eine automatische Voranalyse erstellen, auf die dann noch mal ein Arzt persönlich schauen kann. Dieser Arzt muss aber nicht direkt bei Ihnen sitzen, sondern kann dies auch von einem anderen Ort aus machen und Ihnen per Telefon oder E-Mail seine Einschätzung übermitteln. Möglicherweise werden so früher Krankheiten erkannt, Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig eingeleitet und auch die Kosten im Gesundheitssystem gesenkt. Ähnlich stelle ich mir auch die Entwicklung im Bereich Energie vor, wo eine volatile und dezentrale Energieversorgung entsteht. Und auch die Mobilität wird sich durch das Internet der Dinge verändern. Eines Tages wird das sogenannte Eye-Tracking, also die Erfassung der Blickbewegungen einer Person, es uns ermöglichen, die Aufmerksamkeit des Fahrers zu ermitteln. Mehr noch: Daten können wir dann in Verbindung bringen mit hochmodernen Sensorik- und Navigationssystemen. Das Auto schaut dann um die Ecke und informiert den Fahrer rechtzeitig über Gefahren. Bei all diesen Entwicklungen werden IT-Sicherheit, Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre die großen Herausforderungen werden. Der Einzelne muss etwa davor geschützt werden, dass er im Krankheitsfall persönliche Nachteile erfährt, wie eine erschwerte Aufnahme bei einer Krankenkasse.

ZEIT ONLINE: Wie wird sich die Bildung verändern?

Kagermann: Die fortschreitende Digitalisierung führt zu neuen Arbeits- und Lernwelten. Die angesprochene intelligente Fabrik wird weniger ungelernte Mitarbeiter in der Produktion beschäftigen, hier wird ein erheblicher Qualifizierungsbedarf entstehen. Die intelligente Fabrik schafft jedoch zusätzlich indirekte Stellen beispielsweise in der Entwicklung von Systemen, bei den mit Produkten verknüpften Diensten oder auch bei der Steuerung der flexiblen Prozesse und bei der Überbrückung von Automatisierungslücken. Es entsteht ein hochgradig vernetztes und interdisziplinäres Arbeitsumfeld mit sehr unterschiedlichen Aufgaben für den einzelnen Mitarbeiter. So werden Arbeitnehmer künftig weniger fest vorgeschriebene Arbeitsanweisungen erhalten. Es kommt zunehmend auf Teamarbeit, Eigenverantwortung und gezieltes, aber lebenslanges Lernen an. Die Arbeitswelt von morgen wird nicht nur höhere Qualifikationen, sondern auch mehr geistige Beweglichkeit einfordern.

Ich glaube, dass das E-Learning eine Renaissance erleben wird und Lerninhalte individuell und situationsspezifisch vermittelt werden. Auch werden sich über soziale Netzwerke bessere Feedback-Systeme entwickeln. Durch den schnellen Rücklauf an Fragen lassen sich Lernkurse noch während ihrer Laufzeit direkt optimieren. Digitale Hilfen sogenannter Augmented Reality, also die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, können zudem den Lernprozess maßgeblich vorantreiben.

ZEIT ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel.

Kagermann: Wenn ein Wartungsmitarbeiter eine Waschmaschine repariert, stellen ihm solche digitalen Hilfen sämtliche Technologiedaten am Bild der konkreten Maschine bereit und leiten ihn durch die Reparatur. Der Arbeiter muss also nicht zuerst ein umfängliches Handbuch aufwendig zu Rate zu ziehen und dann reparieren, sondern macht beides zugleich, weil er sozusagen die Maschine und die erforderlichen Informationen durch eine Brille sieht. Klar wird anhand dieses Beispiels aber auch, dass ein gewisses technisches Grundverständnis wichtiger werden wird. Im Gegenzug werden für die meisten Mitarbeiter besondere Spezialisierungen weniger wichtig werden.

ZEIT ONLINE: Wie sollte die Arbeitswelt aussehen, in der Sie selbst gerne in Zukunft arbeiten würden?

Kagermann: Das ist relativ einfach: Arbeit muss Spaß machen, die intrinsische Motivation sollte bei dem, was wir tagtäglich tun, Ansporn sein. Dann können wir uns auch glücklich schätzen, wenn wir vielleicht länger arbeiten müssen als Generationen vor uns.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch "Architekten der Arbeit. Positionen, Entwürfe, Kontroversen", das 2014 in der edition Körber-Stiftung erschienen ist.