Hochmotiviert – so bin ich nach einem Master in Kunstpädagogik und Deutsch in mein Referendariat eingestiegen. Ich wollte Kindern aus sozialen Brennpunkten Kreativität beibringen. Schule neu denken. Das System von innen heraus verbessern.

Selbst aufgewachsen in einem Problemviertel in Bremen, hatte ich lauter romantische Rettungsideen im Kopf. Ich dachte, ich sei den Schülern näher, weil ich ihre Probleme selbst kenne. Ich weiß, wie es ist, wenn in einer Familie die Energie fehlt, ein Familiennest basierend auf Liebe und freundlicher Kommunikation zu schaffen. Aber ich kenne auch aus eigener Erfahrung und eben nicht nur aus der Fachliteratur die Erfahrung, wie künstlerisches Handeln wie das Malen von Bildern, Verkleiden und in andere Rollen schlüpfen oder das intuitive Spielen von Instrumenten eine Kinderseele retten kann.

Und darum wollte ich Lehrerin werden. Ich wollte den Kindern vermitteln: Ihr müsst euch nicht schämen, eure Familien ticken nach anderen Regeln als das elitär geleitete Schulsystem. Darum herrscht an Brennpunktschulen auch Klassenkampf in den Klassenräumen. Die Lehrer mit ihren kleinbürgerlichen, geordneten Leben sind dort in der Unterzahl. Ihre Regeln sind für viele Kinder eine Provokation, die nach Reibung schreit. Der Alltag der Kinder sieht so aus: Die Eltern haben keine Zeit oder kein Interesse. Oder gehen unter in eigenen Problemen. Und wenn ein Sechsjähriger sich den Wecker nicht alleine stellen kann oder keinen Sinn darin sieht, morgens pflichtbewusst pünktlich aus den Federn zu kommen, bleibt er liegen und die Lehrerschaft schaut von oben herab auf die arme unterprivilegierte Familie.

Ich wollte Kultur in meine Grundschulklasse bringen – den Kindern die Möglichkeit geben, Erfahrung wie diese kreativ zu verarbeiten. Das Landesinstitut für Schule unterstützt Berufsanfänger wie mich darin, innovative Sozial-, Lern- und Arbeitsformen in den Klassen zu etablieren. Meine Schule stellt mir für meine Ideen die nötigen Materialien und Klassenräume zur Verfügung. Die Rahmenbedingungen sind insofern gut. Nur die Realität ist es nicht. Denn da sind demotivierte Schülerinnen und Schüler, die nichts anderes von klein auf kennen, als sich möglichst viel zu reiben. Die gelernt haben, dass Ärger zu stiften das einzige Mittel ist, um wirklich gesehen und wahrgenommen zu werden. Diese Kinder haben eines genau verinnerlicht: Auf jeden Fall bin ich gut darin, schlecht zu sein.

Ihren Lehrern knallen diese Kinder die ganze Asozialität an den Kopf. Da gibt es Magenkuhlenschläge in schutzlose Mädchenbäuche, während in der Pause heimlich die Streichholzschachtel aufgespürt, geklaut und hinter dem Lehrerpult zum Kokeln verwendet wird, unmittelbar neben umherfliegenden Stühlen, die als neue Wurfgeschosse ausprobiert werden. Kennt man alles von Straßendemonstrationen am 1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Die Kinder haben dasselbe Potenzial und – da liegt ja gerade der Witz drin – eine ähnliche Motivation.

Und ich, die motivierte Referendarin, stehe da und sage: "Man, ich SEHE euch! Ich erahne eure beschissene Familiensituation. Ich zeige euch Anerkennung. Denn ich bin hier, liebe Kinder, weil ich eure Ressourcen liebe, weil mich eure Meinung interessiert und weil ich viele kreative Möglichkeiten für euch bereit stellen kann, damit ihr euch ausdrücken könnt."

Als Lehrer darf man nicht spielen

Also investiere ich Zeit, etabliere Rituale – und dann, wenn es gerade einmal angenehm wird in der Klasse, wenn die Schüler interessiert und für einen kurzen Moment konzentriert sind – bricht all diese künstlich geschaffene Kleinbürgerlichkeit wieder auf. Die Gefühle der Kinder entladen sich in Zorn und Chaos, in Verzweiflung, Wut und Aggression. Da ist er dann wieder, der Klassenkampf. Auf Dauer hält das kaum ein Lehrer aus. Irgendwann kommt er, dieser Moment, in dem man sich als Lehrkraft schützen muss. Die Probleme der Schüler, die kann man nicht ganz allein auffangen. Irgendwann ist man nur noch müde. Abends nörgelt man den Partner an, hat kaum noch Lustempfinden im Alltag, entwickelt Selbstzweifel und fühlt sich handlungsunfähig. Viele Lehrer entwickeln so eine Depression oder ein Burn-out.

Und dann sind da ja noch die Schulleitung und die Kollegen, denen man Ergebnisse liefern möchte, die vergleichbar sind mit anderen Klassen, in denen frontal und streng gearbeitet wird. Auch das macht Druck.

Aber ich bekomme Depressionen, wenn ich nicht mehr versuche. Viele ältere Kollegen raten: Schalte einen Gang runter, vermittle die Inhalte gemäß des Lehrplans, kümmer dich lieber um dein Privatleben. Aber dann tun Lehrer das, was auch alle anderen Verantwortlichen für diese Kinder tun – sie einfach sich selbst überlassen. Der Rückzug ins Private führt dazu, dem Mitgefühl für die schwierigen Verhältnisse dieser Kinder einfach nicht mehr nachzugeben. Mir macht es Angst, dass ich dieses Verhalten an mir selbst beobachte. Und ich mich als Beamtin auf Probezeit gerade dazu berufen fühle. Nach nicht mal zwei Jahren im Schuldienst habe ich richtig Angst davor, aufzufallen.

Und glücklich bin ich nicht damit.

Heilsame Wirkung von Kreativität

Denn ich glaube, dass man mit Kreativität viel bewirken kann. Etwa mit Kunstpädagogik. Durch ihren Einsatz kann der Alltag der Kinder bearbeitet werden, ebenso wie die Erfahrung der Lehrer. Kunstpädagogen können Kindern aus sozial schwachen Problemfamilien dabei helfen, ihren Alltag zu Hause und in der Schule besser zu meistern und zu reflektieren. Sie aktivieren die kreativen Ressourcen der Schüler, die sich sonst in Zorn und Aggression verwandeln, und zeigen ihnen einen Weg auf, mit diesen Kräften zu spielen. Ein Künstler spielt. Und ein Lebenskünstler schafft es, durchs Leben zu gehen, kreativ und offen für Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Als Lehrer ist es unsere Aufgabe, unsere Schüler aus dem Brennpunkt zu genau solchen Lebenskünstlern auszubilden.

Doch als Lehrer darf ich nicht spielen. Ich soll Inhalte vermitteln und Ergebnisse erzielen. Ich hüte mich davor, zum Beispiel die Kommunikation meiner Schüler nur ein bisschen spielerisch in meine Kommunikation als Lehrerin einfließen zu lassen. Ich könnte zu meinem Schüler sagen, der mal wieder mit derber Sprache provoziert, um die Blicke der Klasse auf sich zu ziehen: "Jo, jetzt mach mal hin, Alter, und fletz dich auf deinen verkackten Platz und halt die Fresse!" Was wäre der Effekt? Der Schüler wüsste, dass Frau Hundertmark sich nicht zu fein ist für diese Sprache. Er würde auch erkennen: "Die ist wirklich sauer, so labert meine Mutter auch immer, wenn ich gleich voll Anschiss bekomme. Das kenn ich, fuck, schnell Klappe halten." Und was würde noch passieren? Ich würde höchstwahrscheinlich ein Disziplinarverfahren bekommen, wenn das der Schulleitung zu Ohren kommt. An anderen Schulen, wo sich die Eltern noch ein bisschen mehr um ihre Kinder sorgen, ist das schon vorgekommen. Wer als Lehrer gegen die bildungsbürgerlichen Gepflogenheiten des Beamtentums verstößt, wird gemaßregelt.

Ich glaube, wenn wir Lehrer mal die Klappe aufmachen würden und die Klasse wie eine Cameron Diaz aus dem amerikanischen Blockbuster Bad Teacher oder eine Michelle Pfeiffer aus dem Drama Dangerous Minds führen würde, dann wäre die Welt vielleicht nicht besser, aber der Schulalltag lockerer. Dann würden Brennpunktkinder merken: Ihre Lehrer sind nicht böse, auch ihre Lehrer haben Lust an Irritation, Provokation und handeln aus einem gewissen Fortschrittswillen heraus. Und sie bedienen sich eben nicht der Autorität, sondern der Originalität.

Als Lehrer nur lieb zu sein und den Kindern eine Gegenwelt aufzubauen, bringt nicht den erhofften Effekt. Denn das Gefühl der Geborgenheit hört spätestens zu Hause wieder auf. Wer den Spagat zwischen kleinbürgerlicher Schule und asozialem Zuhause nicht schafft, wird sich der Schule ganz verweigern. Das erleben wir Tag für Tag.