Seit Jahren warnen Statistiker vor dem demografischen Wandel. Manche fürchten, dass den Firmen die Arbeitskräfte ausgehen, andere schüren Ängste vor leeren Rentenkassen und selbst der Papst klagt über die "Müdigkeit der Alterung" in Europa. Tatsächlich steigt das Durchschnittsalter der Beschäftigten in vielen Unternehmen – im Schnitt sind viele Belegschaften hierzulande Mitte 40 oder älter. Und weil kaum Jüngere nachkommen, wird das Durchschnittsalter in den kommenden Jahren noch zunehmen. Also investieren Arbeitgeber in Weiterbildung und Gesundheitsmanagement und überlegen sich Programme, wie sie mit den Älteren möglichst lange wettbewerbsfähig bleiben.

Problematisch daran ist: Seit Jahrhunderten erfolgt die Wissensvermittlung von den Älteren zu den Jüngeren. Ob als erfolgreiches Modell der dualen Ausbildung mit Meister und Lehrling oder im akademischen Umfeld – Seniorität bedeutet hierzulande Seriosität. 

Doch genau das stimmt heute so nicht mehr. Oft kommen die Innovationen von den Jüngeren. Allerdings entstehen häufiger wirklich tragfähige Geschäftsideen aus der Zusammenarbeit von jüngeren und älteren Mitarbeitern. "Manche Firmen versetzt die demografische Frage in Angst, dabei können Mitarbeiter mit unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsschätzen in Unternehmen wirklich voneinander profitieren", sagt Kathrin Möslein. Sie ist Professorin für Innovation und Wertschöpfung an der Universität Erlangen-Nürnberg und der HHL Leipzig Graduate School of Management. Wie altersgemischte Teams zusammenarbeiten, erforscht sie  in dem vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBF) und dem Europäischen Sozialfond (ESF) geförderten Tandem-Projekt

Es soll Erkenntnisse darüber liefern, wie Innovationen in Unternehmen mit altersgemischten Teams am besten funktionieren und welche Methoden auf andere Unternehmen übertragbar sind. In der Forschungsphase liegt der Schwerpunkt auf Firmen der Informationstechnologie und Medizintechnik.

Eines dieser Unternehmen ist die Nürnberger Firma Datev. Das Software- und IT-Service-Unternehmen bietet seine Dienstleistungen in erster Linie Steuerberatern an und beschäftigt hierzulande rund 6.700 Mitarbeiter. Datev gilt als verlässlicher und sicherer Arbeitgeber, viele bleiben ihr ganzes Berufsleben dort, das Durchschnittsalter der Belegschaft beträgt heute 48 Jahre, Tendenz steigend. "Die Fluktuation liegt bei unter zwei Prozent, einschließlich der Kollegen, die in Rente gehen", sagt Personalchef Jochen Kurz.

Es erprobt neue Wege der Wissensvermittlung in Unternehmen. Bei Datev hat der Pilot drei unterschiedliche Ziele: In einem ersten Teilprojekt bringen jüngere Mitarbeiter älteren Kollegen spielerisch neue Kommunikationsmittel näher – etwa Socialmedia und verschiedene Crowdworkingtools. Innovationscoach nennt sich ein weiteres Projekt: Hier stehen erfahrene Mitarbeiter ihren Kollegen als Sparringspartner zur Seite, um Ideen auf ihre Umsetzbarkeit und Praxistauglichkeit abzuklopfen. Und im dritten Teilprojekt bilden ältere und jüngere Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen sogenannte Innovationsteams, die gemeinsam an einem Thema arbeiten – ohne dass das Label Demografie am Projekt klebt.

Der Vorteil dieser Methode: Sowohl die Jüngeren als auch die Älteren sind für die Wissensvermittlung zuständig. Und beide sind Lernende. Damit besteht Gleichrangigkeit zwischen den Generationen. Und ganz nebenbei wird auf diese Weise Lernen auf Augenhöhe ermöglicht.

Altersgemischte Teams sind häufig innovativer

Bei Datev lernten sich die Arbeitsgruppen in einem Kreativitätsworkshop von Forscherin Möslein und ihrem Team kennen. Entscheidend waren die unterschiedlichen Berufserfahrungen und das Interesse am Thema, weniger das Alter. Fünf Teams fanden sich so. Eines davon entstand mit Stephanie Metz und ihren Kollegen Stefan Ladig und Stefan Wunram. An der Legosteinkiste sprang der Funke zwischen den drei Mitarbeitern über. Denn eine große Kiste hatten die Wissenschaftler mit in den Workshop gebracht – um damit den Ideenreichtum anzuregen. "Wir haben gewissermaßen mit den Legos den Grundstein für unsere Zusammenarbeit gelegt", sagt Ladig und lacht. "Beim Bauen haben wir viele neue Ideen entwickelt."

Stefanie Metz ist mit 30 Jahren die Jüngste im Team. Sie ist halbtags als Produkt-Managerin bei Datev beschäftigt und forscht mit einer halben Stelle als Doktorandin am Lehrstuhl für Genossenschaftswesen der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihr Kollege Stefan Ladig arbeitet seit 2001 für Datev und berät als Vertriebsprofi Kunden am Telefon. Nebenberuflich promoviert der 49-jährige Wirtschaftsjurist an der Universität Salzburg über Konzernsteuerrecht. Der Dritte im Team ist der 54-jährige Betriebswirt Stefan Wunram, der seit 1989 für Datev tätig ist und als leitender Berater viel Außendiensterfahrung mitbringt.

Schnell hatten die drei eine neue Geschäftsidee entwickelt: In ihrem Projekt drehte sich alles um die Steuerkanzlei der Zukunft. Mehr möchten die drei nicht verraten. Drei Monate lang arbeitete das Team an dem neuen Service für Steuerkanzleien. Auf den Workshop folgten zwei große Besprechungstermine, bei denen die drei ihre Aufgaben abstimmten und erste Ideen diskutierten. Eine Sharepoint-Plattform im Intranet nutzte das Team, um Inhalte mit den anderen zu teilen und sich auszutauschen. "Wer schnell eine Info brauchte, griff einfach zum Telefonhörer", sagt Stefanie Metz. Ihre Ergebnisse haben sie im Herbst in einem Abschluss-Workshop der Geschäftsleitung präsentiert.

Obwohl alle drei seit vielen Jahren für das Unternehmen arbeiten, haben sie neue Facetten ihres Arbeitgebers kennengelernt – und neue Kollegen. "Ich habe mein Netzwerk erweitert und mehr über andere Projekte im Unternehmen gelernt", sagt Metz. Auch ihr Kollege Ladig schwärmt von dem Tandemprojekt. "Mich hat die Teilnahme motiviert und ich sehe es als Wertschätzung, dass ich teilnehmen durfte." Die meisten Aufgaben erledigten sie während ihrer Arbeitszeit, selten nahmen sie Arbeit mit nach Hause. Gespannt sind nun alle drei, ob die Geschäftsleitung ihre Ideen aufgreift. "Selbst wenn nur Teilaspekte umgesetzt würden, wäre das ein schöner Erfolg für uns", sagt Stefanie Metz.

Einen Erfolg zeigt zumindest schon einmal die wissenschaftliche Begleitung des Projekts: Das Lernen und Arbeiten in altersgemischten Teams scheint gleich mehrere positive Effekte zu haben. Eine höhere Identifikation mit dem Arbeitgeber und damit auch eine größere Loyalität, mehr Verständnis der Arbeitnehmer für einander und die Bündelung von Erfahrung und der Bereitschaft, alte Strukturen infrage zu stellen und Neues auszuprobieren.  Gut für Teams ist das allemal. Und das ist eine gute Grundlage für Innovationsfähigkeit.