Der Coach und frühere Mönch Anselm Bilgri © PR: Gerd Henghuber Kommunikation

ZEIT ONLINE: Herr Bilgri, alle sprechen über Work-Life-Balance, Sie verwenden aber lieber das altmodische Wort Muße. Weshalb?

Anselm Bilgri: Muße ist in unserer beschleunigten Zeit enorm wichtig. Ganz gleich, ob Sie es Balance zwischen Arbeit und Freizeit nennen oder ob jeder für sich ein Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung anstrebt – für unsere psychische und physische Gesundheit ist es existenziell, dass wir auch wieder abschalten lernen.

ZEIT ONLINE: Wie geht Muße?

Bilgri: Muße macht zunächst Mühe, denn wir müssen etwas neu einüben, was wir nicht gewohnt sind. Bei Muße geht es nicht ums Nichtstun, Müßiggang oder gar Langeweile, sondern Muße ist ein Auf-sich-selbst-konzentrieren. Dazu gehört, sich bewusst von den Anforderungen des Alltags, der Arbeit und der Familie zurückzuziehen. Muße bedeutet Zeit für sich. Jeder füllt diese eigene Zeit mit etwas anderem. Der eine liest, der andere musiziert oder geht spazieren, andere backen Plätzchen.

ZEIT ONLINE: Das klingt fast wie in der Werbung. Doch die Realität sieht oft anders aus. Sie haben viele Jahre als Benediktinermönch gelebt und gleichzeitig im Kloster Andechs am Ammersee als Prior die Geschicke des Wirtschaftsbetriebs und der Klosterbrauerei geleitet. Gibt es denn im strengen Klosterleben Zeit für Muße?

Bilgri: In Europa und Nordamerika herrscht eine hohe Arbeitsmoral. Auch die Regeln der Benediktiner "ora et labora", also "bete und arbeite" legen den Tagesablauf genau fest. Muße kommt im Tagesablauf nicht vor, denn Muße hat ein schlechtes Image. Es gibt wenig Freiraum und Müßiggang. Das Nichtstun wurde über Jahrhunderte als Feind der Seele gesehen und als gefährlich eingeschätzt.

ZEIT ONLINE: Dieses Arbeitsethos erlebt eine Renaissance, denn viele Arbeitgeber fordern von ihren Mitarbeitern ständig erreichbar zu sein, während psychische Erkrankungen zunehmen. Ignorieren Manager diese Entwicklung? 

Bilgri: Die Sensibilität für das Thema ist gewachsen, viele Manager möchten etwas für sich und ihre Mitarbeiter tun. Doch bei der Umsetzung hapert es noch. Das liegt meiner Meinung nach auch an den Führungskräften. Manchmal wundere ich mich über die Ich-Schwäche von manchen Managern und deren freiwilliger Unterwerfungshaltung. Wenn ich sie dann frage: "Sind Sie jetzt Führungskraft oder nicht?", zucken zwar manche zusammen, doch viele schieben es auf die Strukturen im Unternehmen. Dabei habe ich oft den Eindruck, dass Manager ihren Handlungsspielraum nicht nutzen und die Radfahr-Mentalität sehr verbreitet ist. Also nach oben buckeln und nach unten treten.

ZEIT ONLINE: Vor eineinhalb Jahren haben Sie die Akademie der Muße gegründet und bieten Seminare an. Wer kommt in Ihre Kurse? 

Bilgri: Die meisten sind um die 40 Jahre und ein gewisser Leidensdruck ist spürbar. Manchen fällt es sehr schwer, auf das Mobiltelefon zu verzichten und zur Ruhe zu kommen. Doch wir wählen bewusst spirituelle Orte wie ehemalige Klöster für die Seminare, damit es den Teilnehmern leichter fällt abzuschalten. Was mich wundert: Die halbstündige, moderate Zen-Meditation, die wir dreimal täglich anbieten, kommt sehr gut an, die Teilnehmer schätzen dieses bewusste Abschalten, still sitzen und sonst nichts.

ZEIT ONLINE: Und wie gelingt der Transfer in den Alltag? 

Bilgri: Plötzliche Bekehrungen sind auch in unseren Seminaren selten. Natürlich fällt es in der Gruppe und an einem angenehmen Ort leichter, abzuschalten und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Doch wer kleinere Übungen in seinen Alltag integriert und Muße einübt, der gewinnt Lebensqualität.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein paar Tipps für den hektischen Berufsalltag?

Bilgri: Einfach mal den Fuß vom Gas nehmen. Gerade wenn im Büro alles auf einen einstürmt, hilft es, den PC ganz bewusst für fünf oder zehn Minuten herunterzufahren und eine Pause einzulegen. Es hilft, einfach aus dem Fenster in die Ferne zu sehen und seine Gedanken schweifen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Da höre ich jetzt ein großes "Aber" unserer Leser. Sind solche Tipps denn realistisch?

Bilgri: Auch Angestellte haben Spielraum. Nehmen Sie das gerne bemühte Bild vom Hamsterrad. Viele klagen, ihr Job sei wie ein Hamsterrad. Doch wer es sich genau ansieht, müsste eigentlich merken, dass es keinen Motor gibt. Das kleine Tier treibt das Rad selbst an, ohne dass es von jemandem dazu gezwungen wird. Im Job heißt es oft, etwas sei ganz dringend. Aber das Dringliche ist selten wesentlich und das Wesentliche selten dringlich. 

ZEIT ONLINE: Und wie sollen Mitarbeiter mit Chefs umgehen, die sich wie Kontrollfreaks verhalten?

Bilgri: Mein Eindruck ist: Je größer ein Unternehmen, desto mehr Leerlauf gibt es und desto stärker sind Mitarbeiter mit innenpolitischen Angelegenheiten beschäftigt, die nichts mit ihrer eigentlichen Arbeit zu tun haben. Dort wird weniger selbständig gearbeitet, viele sind ängstlich, vermeiden Entscheidungen und sorgen dafür, dass sie sich absichern, indem sie beispielsweise Mails an einen riesigen Verteiler schicken und andere entscheiden lassen. Wenn etwas schief geht, waschen alle ihre Hände in Unschuld und verweisen an die anderen.

ZEIT ONLINE: Von vielen Selbstständigen und Kreativen wird erwartet, dass sie immer erreichbar sind. Was empfehlen Sie dieser Berufsgruppe?

Bilgri: Gerade Kreativität braucht Muße. Wer in einem kreativen Beruf arbeitet und dabei ständig unter Strom steht, gefährdet damit seine eigene Gesundheit und die guten Ideen gehen aus.

ZEIT ONLINE: Vielleicht wäre es ein guter Anfang, Muße in der Freizeit einzuüben?

Bilgri: Ja, dazu ist es wichtig, aus dem Arbeitsumfeld herauszukommen. Ich empfehle, die Freizeit nicht auch noch durchzutakten. Sehen Sie zum Beispiel Wartezeiten als Geschenk an und ärgern Sie sich nicht darüber. Wer Bahn fährt und einen Anschluss verpasst und eine Stunde warten muss, kann diese scheinbar verlorene Stunde als Geschenk sehen. Es lohnt sich nicht, über die Schlange vor der Supermarktkasse zu schimpfen. Nutzen sie die Zeit zum Nachdenken und sehen Sie es als kleine geschenkte Auszeit vom Alltag an.

ZEIT ONLINE: Ihr neues Buch heißt Vom Glück der Muße. Was heißt Glück für Sie?

Bilgri: Glück heißt, mit dem zufrieden zu sein, was man bekommt. Wer erwartungslos lebt, ist glücklicher als derjenige, der immer einem Ziel hinterherrennt.