In Führungspositionen sind Studien zufolge überdurchschnittlich viele Menschen mit psychopathischen Verhaltensweisen zu finden.

Arbeit kann krank machen. Arbeitsbedingte psychische Leiden und der allseits diskutierte Burn-out sind Massenphänomene. Weniger diskutiert ist das umgekehrte Phänomen: Kranke können gut arbeiten – manche zumindest. Denn wahr ist auch: Menschen mit bestimmten Psychosen werden im Arbeitsleben nicht nur geduldet. Sie sind offenbar sogar höchst willkommen und erfolgreich.

In Personalabteilungen und unter Arbeitspsychologen ist das kein Geheimnis – aber wenn es ausgesprochen wird, taugt es doch für einen kleinen Skandal. Eine Personalmanagerin der Deutschen Bahn hat laut Spiegel kürzlich gesagt, "sie stelle gerne zwanghafte Menschen ein". Vor allem Angstgestörte seien besonders für die Bereiche Finanzen, Controlling und Compliance geeignet. Von einer "schönen Angststörung" soll Ursula Schütze-Kreilkamp wörtlich auf der Schulungskonferenz einer Schweizer Unternehmensberatung gesprochen haben.

Die Bahn ging offenbar davon aus, dass das in der Öffentlichkeit nicht gut ankommt und nahm das entsprechende Video aus dem Internet. Aber die abwiegelnde Reaktion eines Bahn-Sprechers, die Ausführungen der eigenen Personalmanagerin hätten nichts mit dem Unternehmen selbst zu tun, wären nicht notwendig gewesen.

Denn bei näherer Betrachtung handelt es sich nicht um einen Skandal. Psychologen wissen längst, dass bestimmte psychische Auffälligkeiten für bestimmte Aufgaben prädestinieren. Im Rechnungswesen sorgt die Pedanterie eines Angstgestörten dafür, dass die Zahlen stimmen. Und das ist das Ziel des Rechnungswesens. Sollte man etwa lieber einen manischen, risikoverliebten Adrenalin-Junkie zum Buchhalter machen?

Normal oder schon narzisstisch gestört?

Tatsächlich ist vermutlich nicht nur der eine oder andere Buchhalter psychisch auffällig, sondern auch sein Chef im Unternehmensvorstand. Ist Richard Branson ganz normal? Grenzt es nicht zumindest an eine narzisstische Störung, wenn man sich als Unternehmenslenker auf einem Surfbrett mit halbnacktem Model im Arm fotografieren lässt? Oder sein noch exaltierterer Konkurrent Michael O’Leary von RyanAir? Von ihm gibt es kaum ein Foto, auf dem er nicht irgendeine alberne Pose macht.

Eine pathologische Geltungssucht wird man sehr vielen erfolgreichen Menschen attestieren können. Aber auch die Diagnose Autismus oder das Asperger-Syndrom scheint bei vielen Superstars der Wirtschaft naheliegend. Von Mark Zuckerberg, dem Facebook-Erfinder, berichtet ein früherer Mitarbeiter, er könne seinem Gegenüber kaum in die Augen sehen.Wäre das so abwegig? Viele Autisten sind bekanntlich außerordentlich begabt im Umgang mit Zahlen und Formeln und verfügen über ein extrem leistungsfähiges Gedächtnis.

Für Psychologen sind die Indizien ohnehin ziemlich eindeutig und durch viele Studien belegt. In den Führungsetagen von Unternehmen finden sich "dreieinhalbmal so viele Psychopathen wie im Durchschnitt der Bevölkerung", will Robert Hare, Psychologe und Forensiker aus Vancouver, gemeinsam mit dem New Yorker Unternehmensberater Paul Babiak durch Hunderte von Interviews herausgefunden haben.

Andere Studien bestätigen das: An der Cass Business School in London hatten über ein Drittel der befragten Firmengründer bekannt, Legastheniker zu sein. Die Lese- und Rechtschreibstörung wäre bei Unternehmenslenkern demnach achtmal häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung.

Und Forscher der Erasmus-Universität Rotterdam wollen beobachtet haben, dass Studenten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) später mit überdurchschnittlich großer Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen gründen.