ZEIT ONLINE: Viele Mitarbeiter klagen über die Geräuschbelästigung im Großraumbüro. Warum setzen Unternehmen noch immer diese Art der Arbeitsräume ein?

Franka Ellen Wittek: Unternehmen setzen auf Großraumbüros, wenn sie Informationswege und die Kommunikation kürzer und effektiver machen möchten. Die Barriere ist kleiner, wenn man direkt nebeneinander sitzt. Oft verbessert sich so die Kommunikation, und Teams wachsen enger zusammen.

ZEIT ONLINE: Oder sie gehen sich auf die Nerven.

Wittek: Ein häufiger Fehler ist, dass auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter keine Rücksicht genommen wird. Offene Arbeitsräume ohne jegliche Abtrennung sind extrem.

Deshalb ist es wichtig zu überlegen, welche Arbeit und welche Kommunikation stattfinden soll. Die meisten Unternehmen brauchen Räume, die den Mitarbeitern zum konzentrierten Arbeiten zur Verfügung stehen, um allein Telefonate zu führen und einen Rückzugsraum für Vier-Augen-Gespräche zu haben. In einem Büro müssen meistens auch Meetings abgehalten werden und oft besteht auch die Notwendigkeit, sich im Plenum zusammenzufinden oder ein Event zu veranstalten. Das stellt bestimmte Anforderungen an die Bürogestaltung.

ZEIT ONLINE: Welche?

Wittek: Das Großraumbüro sollte mindestens über Ruhezonen, kleine Telefonkabinen, Besprechungsräume, eine Gemeinschaftsküche oder einen anderen Ort der Zusammenkunft verfügen. 

ZEIT ONLINE: Hat die Gestaltung der Arbeitsräume denn einen Einfluss darauf, wie kreativ die Mitarbeiter sind? 

Wittek: Die Art der Gestaltung von Büroräumen kann Denkprozesse fördern. Möbel, Ausstattung, Licht oder Farben können Gedankengänge anregen. Eine Sofaecke beispielsweise, in der man sich zurücklehnt und auch einsinkt, lädt zum längeren Verweilen ein – beispielsweise wenn man über ein schwerwiegendes Problem nachdenken muss. Hohe Tische mit Hochstühlen oder Stehtische eignen sich eher für eine schnelle und auch informelle Kommunikation. Farben können identifikationsstiftend sein. So kann ein Unternehmen durch die Farbgebung etwa die Corporate Identity zum Ausdruck bringen.

ZEIT ONLINE: Google ist bekannt für seine extravaganten Büros. Das kostet viel Geld. Wie können kleine Unternehmen das Arbeitsumfeld so gestalten, dass sich Mitarbeiter wohlfühlen?

Wittek: Rutschen, Ruderboote, Strandkörbe oder gekachelte Räume mit Bällebädern überraschen Mitarbeiter und Besucher. Das passt gut zur Kultur bei Unternehmen wie Google, aber nicht unbedingt zu jedem anderen Unternehmen. Bei der Bürogestaltung kommt es nicht auf außergewöhnliches Design an, sondern dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen, dass die verwendeten Elemente die Kommunikation und Interaktion fördern sowie die Kreativität und die Gedanken stimulieren.

Steht eine Renovierung an oder ein Umzug in andere Räume, tun Arbeitgeber gut daran, die Mitarbeiter in den Umgestaltungsprozess der Büroräume einzubeziehen. Denn die, die den Raum später nutzen sollen, wissen am besten, was sie brauchen, um produktiv arbeiten zu können. Und nicht alle Mitarbeiter fühlen sich sofort mit radikalen Veränderungen wohl. Durch ihre aktive Teilhabe und einem Recht auf Mitgestaltung umgeht man solche Widerstände. Die Identifikation mit dem Unternehmen steigt, die Teams übernehmen dann auch mehr Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Worauf sollte man als Arbeitgeber noch achten?

Wittek: Man sollte sich fragen: Was für ein Arbeitgeber sind wir? Was ist die Identität meines Unternehmens? Und wie bringe ich diese Identität in meinen Räumlichkeiten zum Ausdruck?

Langfristig wird kein Mitarbeiter in einem Unternehmen bleiben, nur weil die Büros so schön sind. Es kommt auf ein rundherum ideales Arbeitsumfeld an. Und dahin zu kommen, das kann mitunter ein langer Prozess sein.

ZEIT ONLINE: Arbeitsabläufe werden immer weiter digitalisiert und finden virtuell statt. Braucht es denn überhaupt noch echte physische Räume?

Wittek: Die Alltagskommunikation funktioniert vielleicht heute vielfach virtuell. Trotzdem sind echte physische Räume ein entscheidender Faktor für Kreativität, Produktivität und Innovation. Denn Mitarbeiter müssen sich noch immer physisch treffen – nur wenn sich Menschen von Angesicht zu Angesicht sehen und zusammenarbeiten, entstehen auch neue Ideen.