Kein Reißen und kein Ziepen: Menschen mit langen Haaren wissen es zu schätzen, wenn der Kamm sanft durchs Haar gleitet. Selbstverständlich ist das nicht, vor allem bei billig produzierten Plastikkämmen kann es haken. "Kämme aus Kunststoff, die meist gegossen oder gespritzt werden, weisen oftmals noch Gussgrate auf. Daran können Haare hängen bleiben", sagt Melanie Groetsch. Sie ist Kammmacherin – eine der letzten ihres Standes und bemüht darum, diesen altehrwürdigen Beruf am Leben zu erhalten.

Ihre Berufswahl kam nicht von ungefähr. Schon ihr Vater und Großvater führten als Kammmacher den eigenen Betrieb. "Mein Großvater war der letzte Kammmachermeister Deutschlands", sagt Groetsch. Das Handwerk lernte sie noch von ihm und ihren Vater.

Plastik verwendet Groetsch gar nicht, ihre Kämme fertigt sie aus Horn und Holz. "Horn ist im Prinzip das gleiche Material wie das Haar selbst, deswegen gleitet ein Kamm aus Horn leicht und sanft durch die Haare. Allerdings entsteht beim Kämmen eine geringe statische Aufladung", sagt Groetsch.

Das Horn bekommt sie aus Indien. "Die Kooperation mit dem indischen Lieferanten stammt noch aus Großvaters aktiver Zeit", erzählt die Kammmacherin. Es kommt von Rindern und wird in Plattenform geliefert. Damit das runde Horn überhaupt so aussieht, wird es aufgesägt, erhitzt und geplättet.  

Für Kämme aus Holz verwendet Groetsch feinporige Laubhölzer wie Ahorn, Kirsche, Hainbuche oder Elsbeere. Letzteres sei besonders gut geeignet, es ist hart und feinporig und dennoch elastisch. Feinporige Hölzer haben eine besonders feine Struktur, die Maserung ist nicht so grob wie etwa bei Eichenholz. Bei den feinen Zähnen eines Kammes gleiten Kämme aus diesem Holz entsprechend besser durchs Haar.

Qualitativ besteht zwischen Kämmen aus Holz oder Horn kein Unterschied. "Einige Kunden bevorzugen Horn, andere lieber Holz", sagt Groetsch.

Leider kein Lehrberuf mehr

Egal, welches Material sie verwendet: Die Herstellung beginnt immer mit einem Kammrohling. Diesen spannt sie in eine Schneidemaschine, mit der sie die einzelnen Zähne im Groben herausarbeitet. Den Zwischenraum kann sie einstellen. "Die Kammschneidemaschine ist eine der ersten ihrer Art und über hundert Jahre alt", sagt Groetsch. Anschließend arbeitet sie mit einer Bandschleifmaschine die äußere Form heraus. Erst dann kann sie die Zähne endgültig ausarbeiten. "Wenn der Kamm aus der Kammschneidemaschine kommt, sind die Zähne oben und unten gleich dick. Sie müssen aber an der Spitze dünner sein als oben", sagt Groetsch. Dafür ist Handarbeit nötig – mit einer Schleifscheibe arbeitet die Kammmacherin so lange an jedem Zahn, bis er eine konische Form hat. Außerdem werden Zahngrund sowie die Zahnzwischenräume geschliffen. Groetsch muss sehr präzise sein, damit keine Grate zurückbleiben. Ansonsten können die Haare beschädigt oder sogar herausgerissen werden. Zum Schluss schleift sie den fertigen Kamm noch fein. Eine Oberflächenveredelung nimmt sie hingegen nicht vor. Denn wenn der Kamm mit Lacken oder Ölen behandelt wird, kann er kein Haarfett mehr aufnehmen. Zwischen 7 und 35 Euro kostet ein exklusiv gefertigter Kamm bei der Kammmacherin.

Heute ist das Handwerk kein anerkannter Lehrberuf mehr. Aber es gibt einige, die sich das Knowhow selbst aneignen. Dafür ist handwerkliches Geschick wichtig. Und man braucht Wissen über die Eigenschaften der unterschiedlichen Materialien. In Deutschland gibt es nicht einmal fünf Kammmacher, schätzt Groetsch. Ganz aussterben wird das Handwerk ihrer Meinung nach aber nicht. Denn in den letzten Jahren ist das Bewusstsein für hochwertige Qualitätsprodukte gestiegen. Handgefertigte Kämme seien wieder gefragt. "Ich bin schon stolz, dieses Traditionshandwerk weiterführen zu dürfen", sagt Melanie Groetsch.

  • Arbeitszeit: variiert, abhängig von der Auftragslage;
  • Ausbildung: keine staatlich anerkannte Ausbildung möglich;
  • Gehalt: abhängig vom Aufragsvolumen