ZEIT ONLINE: Frau Figoluschka, Sie haben gut 40.000 Euro investiert, um eine App zu entwickeln, mit denen sich Eltern untereinander verabreden können. Wozu soll das gut sein?

Anna Figoluschka: Die App macht es leichter, eine kurzfristige Betreuung zu organisieren oder die Kinder zu verabreden. Und zwar innerhalb des vertrauen sozialen und familiären Netzwerkes, das man selbst definiert. Wie oft kommt es vor, dass man sich verspätet, weil man im Job noch etwas fertig machen muss – und man möchte, dass andere Eltern aus der Klasse das Kind mitabholen. Mit der App kann man ihnen spontan eine Anfrage schicken.

ZEIT ONLINE: Das kann ich auch mit einer Mail oder SMS.

Figoluschka: Aber das ist aufwendig. KidPick spricht alle Kontakte aus meinem Netzwerk unmittelbar an. Bleiben wir mal beim Beispiel, dass man sich beim Abholen verspätet.. Dann habe ich vielleicht zehn Kontakte von anderen Eltern, die mein Kind mitnehmen könnten, aber von einigen habe ich vielleicht die Handynummer nicht. Von anderen fehlt die Mailadresse. Wieder andere reagieren nur auf Whatsapp oder Facebook.  Und richtig kompliziert wird es, wenn ich mehrere Kinder habe.

ZEIT ONLINE: Aber meistens hat man doch sowieso einen Gruppenchat oder einen Verteiler eingerichtet.

Figoluschka: Ziel ist es, den Kommunikationsaufwand zu minimieren und so den Stress für die Eltern zu verringern. Gruppenchats und Verteilermails sind aufwendig und oft unübersichtlich, wenn einer auf den anderen reagiert. Das führt häufig zu Missverständnissen. In der App trage ich Ort, Datum und Uhrzeit ein – dann müssen meine Kontakte nicht erst lange lesen, wann und wo ich Hilfe beim Abholen möchte. Und in der Regel habe ich es zum Beispiel in der Fußballmannschaft meines Sohnes mit anderen Eltern zu tun als in der Schule oder Nachbarschaft. Die App ermöglicht es, für jedes Kind ein bestimmtes Netzwerk anzulegen. Also zum Beispiel: die Kitagruppe der kleinen Tochter, die Eltern aus der Schulklasse des großen Sohnes und die Eltern aus dem Sportverein und dann vielleicht noch ein familiäres Netzwerk für beide Kinder, in dem Nachbarn, Großeltern und Babysitter stehen. Außerdem kann ich mit KidPick spontane oder geplante Verabredungen treffen. 

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das?

Figoluschka: Die App unterscheidet zwischen Abholen und Verabreden. Zum Beispiel, wenn man gerade auf dem Spielplatz ist und der Sohn gerne mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft spielen würde. Dann kann man an die Eltern aus dem Viertel eine Nachricht schicken und fragen, wer gerade Lust und Zeit hat, mitzukommen oder sein Kind für zwei Stunden vorbeibringen möchte. Oder man sieht, dass eine befreundete Familie morgen Nachmittag im Park nebenan ist und fragt, ob noch andere Kinder Lust haben, mit ihrer Tochter zu spielen.

ZEIT ONLINE: Das setzt voraus, dass alle anderen Eltern auch die App nutzen.

Figoluschka: Nicht unbedingt, es ist ja in der Anfangsphase auch nicht davon auszugehen, dass jeder die App hat. Die App kann die Nachricht auch als SMS weiterleiten.

ZEIT ONLINE: Und was sagt der Datenschutz dazu?

Figoluschka: Damit die Nutzer sich untereinander Anfragen schicken können, müssen sie sich gegenseitig bestätigen. So ist sichergestellt, dass niemand Fremdes Zugriff auf die Anfragen erhält. Wir speichern die Kundendaten auf einem Server in Deutschland, unterliegen also dem deutschen Datenschutzgesetz und dürfen die Daten auch nicht an Dritte weitergeben.

ZEIT ONLINE: Das heißt, man kann seine Anfragen nur an Personen schicken, die man sowieso kennt und deren Kontaktdaten man hat.

Figoluschka: Ja, das ist wichtig. Wir planen zwar, dass die App auch Kontaktvorschläge machen kann, wenn man mit einem anderen Nutzer mehrere Kontakte gemeinsam hat. Beispielsweise mit den Eltern aus der Parallelklasse. Oder den Erzieher aus der Kita oder Lehrern aus der Schule. Schließlich dürfen Erzieher oder Lehrer Kinder nur Leuten mit einerVollmacht mitgeben. Die App würde dem Lehrer oder Erzieher in diesem Fall eine automatische Benachrichtigung schicken.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Figoluschka: Ich bin selbst Mutter eines siebenjährigen Sohnes und habe mir so ein Tool immer gewünscht. Mein Mann und ich sind beide berufstätig und teilen uns die Familienarbeit. Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein ständiges Jonglieren. Ich habe dann recherchiert und war sehr erstaunt, dass es so eine App noch gar nicht gibt. Als ich anderen Eltern von meiner Idee erzählte, war das Feedback so positiv, dass ich mich getraut habe, damit ein Unternehmen zu gründen.

ZEIT ONLINE: Sie sind keine Entwicklerin. Wie setzen Sie ihre Idee um?

Figoluschka: Ich habe über mein berufliches Netzwerk Entwickler gefunden, die mit mir an dem Projekt arbeiten. Vorerst wird es die App nur fürs iPhone geben, wir möchten aber auch eine Android-Version herausgeben.

ZEIT ONLINE: Das kostet einiges. Wie finanzieren Sie das und wie wollen Sie damit Geld verdienen?

Figoluschka: Ich habe Gespartes ausgegeben und ein Privatdarlehen in Anspruch genommen. Investoren gibt es nicht. Die App wird in einer kostenlosen Testversion herauskommen, in der man aber nur einen Kontakt und ein Kind anlegen kann. Die Bezahlversion bietet alle Funktionen und kostet 89 Cent im Monat, oder  9,99 Euro im Jahr. Ich bin davon überzeugt, dass viele Eltern bereit sind, diesen Betrag auszugeben, um einen werbefreien Inhalt zu gewährleisten. Immerhin spart die App einem viel Zeit.

ZEIT ONLINE: Kritiker würden sagen, so eine App schafft keine bessere Vereinbarkeit sondern eine bessere Möglichkeit, das Kind wegzuorganisieren.

Figoluschka: Das ist immer der Vorwurf bei Vereinbarkeitsfragen. Aber die Wahrheit ist doch, dass die wenigsten berufstätigen Mütter und Väter ihr Kind wegorganisieren wollen, um mehr Zeit für den Job zu haben. Das Gegenteil ist der Fall: Man wünscht sich weniger Arbeit, damit man mehr Zeit für seinen Nachwuchs hat. Viele Eltern sind gestresst, und die Kinder spüren das. Meine App gibt Eltern vielleicht nicht mehr Zeit mit ihrem Kind, aber sie hilft dabei, sich stärker mit anderen Familien zu vernetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass man ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Vielleicht hilft meine Idee dabei, einen digitalen Dorfplatz zu schaffen, auf dem sich Eltern entspannt treffen können.