Audi-Mitarbeiter im Liebfrauenmünster in Ingolstadt bei einem Kultur- und Religionsfest im Dezember 2014 © PR: Audi

In das Ingolstädter Liebfrauenmünster strömten Mitte Dezember viele Mitarbeiter von Audi mit ihren Familien und Freunden, denn ihre mexikanischen Kollegen gestalteten den Gottesdienst zu deren Nationalfeiertag Día de la Virgen de Guadalupe am 12. Dezember. Für die rund 600 mexikanischen Audi-Mitarbeiter war es eine gute Gelegenheit, ihren Kollegen ein Stück der eigenen Kultur näherzubringen. Und ein Stück ihres Glaubens.

In unserer säkularen Arbeitswelt bleiben Religion und Kultur meistens außen vor. Zwar garantiert das Grundgesetz allen Bürgern Glaubens- und Gewissensfreiheit und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt vor Diskriminierung in der Arbeitswelt aufgrund der religiösen Weltanschauung. Der Glaube gilt indes als Privatsache. Trotzdem gibt es Arbeitnehmer, die sich auch am Arbeitsplatz Platz für ihren Glauben wünschen. Seien es Pausen, die zum Gebet genutzt werden dürfen, oder religiöse Symbole, die aufgehängt oder getragen werden dürfen. Immer wieder sind solche Fragen auch Thema vor den Arbeitsgerichten.

Dabei muss die Frage nach der Religion nicht notwendigerweise zum Streit führen. Für Jürgen Schlicher ist Religion ein wichtiges Thema des Diversity-Managements. Mitarbeiter, die verschiedenen Religionen anhängen, können ein Unternehmen bereichern. So oder so könnten sich Arbeitgeber dem Thema nicht verschließen. "Die meisten großen, internationalen Unternehmen haben Gebetsräume für ihre Mitarbeiter", sagt der Geschäftsführer von Diversity Works. Der Politologe und sein Team beraten seit rund zehn Jahren Unternehmen, Behörden und Schulen. "Gebetsräume für die Mitarbeiter sind für Arbeitgeber wie Ikea oder Vodafone selbstverständlich."

Auch die Deutsche Bahn hat einen. "Auf Wunsch der Mitarbeiter haben wir in Stuttgart einen Gebetsraum eingerichtet", sagt Annette von Wedel, Leiterin Diversity-Management bei der Deutschen Bahn in Berlin. Der Raum ist offen für jeden, egal welcher Religion oder Weltanschauung der Mitarbeiter angehört. Wie mit Glaubensfragen umgegangen werde, wolle das Unternehmen nicht zentral steuern, sagt von Wedel. "Aber da wo es betrieblich möglich ist, setzen wir die Mitarbeiterwünsche auch um." In Stuttgart wurde der Raum auf Bitten verschiedener Mitarbeiter eingeführt. Das Angebot werde gut angenommen.  

Beten bei der Arbeit

Wie groß der Bedarf an solchen Räumlichkeiten ist, weiß hingegen niemand, denn die meisten Arbeitgeber sammeln keine entsprechenden Daten. Lediglich über die Kirchensteuerzahler lässt sich sagen, wie viele Christen in einer Firma arbeiten. Aber längst nicht alle praktizieren ihren Glauben auch. Bei den Muslimen ist das nicht anders. Zwar leben in Deutschland über vier Millionen Muslime, das entspricht etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Doch längst nicht jeder Muslim wünscht sich einen Gebetsraum in der Firma.

Warum lohnen sich die Bemühungen der Arbeitgeber dennoch? Zum einen führt ein offener Umgang mit der Vielfalt der Religionen zu einem weltoffenen Betriebsklima. Viele Konzerne suchen weltweit Fachkräfte und möchten als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden. Da spielt auch der Umgang mit kulturellen Unterschieden eine Rolle. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) zeigt, dass Unternehmen kulturelle Unterschiede innerhalb der Belegschaft zunehmend als Chance begreifen, Innovationen voranzutreiben und internationale Fachkräfte anzulocken. Schätzungen gehen übrigens davon aus, dass jeder fünfte Erwerbstätige in Deutschland ausländische Wurzeln hat.

Kompromissbereit und tolerant

Bei der Deutschen Bahn etwa nimmt man Rücksicht auf den Fastenmonat Ramadan. Während dieser Zeit dürfen gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. 

Bei der Bahn werden die fastenden Mitarbeiter teilweise anders eingesetzt. "Jeder Betrieb vor Ort erstellt die Schichtpläne für das eigene Team. Dabei versuchen wir Rücksicht zu nehmen und die betrieblichen Interessen mit den Wünschen der Mitarbeiter unter einen Hut zu bekommen", sagt von Wedel. Auch Audi in Ingolstadt berücksichtigt in seinen Schichtplänen die religiösen Belange der Arbeiter in der Fastenzeit. 

Oftmals helfen gläubigen Muslimen im Fastenmonat schon kleine Veränderungen. "Viele freuen sich, wenn in dieser Zeit die Kantine früher öffnet", sagt Jürgen Schlicher und ergänzt: "Das Essen in der Kantine auszuzeichnen, damit Gläubige wissen, welche Gerichte Schweinefleisch enthalten, ist eine nette Geste. Auch am Buffet in Hotels sollte das selbstverständlich sein."