Männer verhandeln ihr Gehalt härter und gelten bei vielen Personalern noch immer als die Ernährer der Familie. Frauen hingegen verbauen sich ihre Chancen auf höhere Gehälter durch lange Auszeiten im Job und kämpfen zu wenig für gleiche Bezahlung. Soweit die Klischees. Statistisch gesehen haben Frauen seit Beginn des Jahres bis zum heutigen Tag umsonst gearbeitet. Der Equal Pay Day markiert diese Gehaltsdifferenz, wenn auch nur symbolisch, und zeigt: Der Unterschied auf dem Lohnzettel zwischen Männern und Frauen in Deutschland ist groß, laut Statistischem Bundesamt liegt er bei 22 Prozent.     

Nun beziehen sich die Zahlen des Statistikamtes auf die Bruttostundenlöhne aller in Vollzeit arbeitenden Männer und aller Frauen. Die 22 Prozent stellen die unbereinigte Lohnlücke dar. Die Zahl berücksichtigt nicht, dass Männer und Frauen teils unterschiedliche Berufe wählen, in denen das Lohnniveau verschieden ist. Sie berücksichtigt auch nicht, dass Frauen in den gut bezahlten Führungspositionen fehlen. Und sie berücksichtigt auch keine längeren Auszeiten.

Doch auch bereinigt von diesen Faktoren bleibt eine Kluft, der sogenannte Gender Pay Gap. Er liegt etwa bei sieben bis acht Prozent und verdeutlicht, dass Frauen selbst bei gleicher Ausbildung, Qualifikation und Tätigkeit nicht so viel verdienen wie Männer. Der Grund für diese Differenz lässt sich nicht eindeutig belegen, aber es liegt nahe, dass auch das Geschlecht für ungleiche Bezahlung sorgt. 

Vor einigen Tagen hatten wir in einem Leseraufruf um Erfahrungsberichte aus der Praxis gebeten. Wir wollten wissen: Teilen unsere Leserinnen und Leser die Erfahrung, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer? Zahlreiche Zuschriften haben uns per E-Mail, in den Kommentaren zum Text oder auf Facebook erreicht. Hier eine Auswahl:

"Noch erschreckender ist aber, dass viele Frauen unter ihrer Qualifikation arbeiten"

Meiner Ansicht nach darf nur der bereinigte Wert berücksichtigt werden. Sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen. Meine Erfahrung ist, dass Frauen – sollten sie sich für Kinder entscheiden – definitiv  signifikante Einbußen in Kauf nehmen müssen. Es ist vollkommen gleichgültig, ob sie je wie männliche Kollegen bezahlt wurden. Mit Kindern werden sie durch Einschränkung der Arbeitszeit und/oder Flexibilität weniger leistungsfähig aus Sicht der Unternehmer. Und damit wird die Bezahlung nicht der Entwicklung der Gehälter der männlichen Kollegen folgen.

Viel erschreckender aber als ein Gehaltsunterschied von sieben oder acht Prozent ist doch die Zahl der Frauen, die unter ihrer Qualifikation arbeiten, weil sie keine Chance zum Wiedereinstieg unter familienfreundlichen Bedingungen finden. Das ist brachliegendes Potential, das viel zu wenig beachtet wird. 

Ich bin Wirtschaftsmathematikerin, habe drei Kinder und suche vergeblich eine Teilzeitstelle. Mein Einkommen beträgt im Moment etwa minus 350 Euro monatlich, da ich derzeit kein eigenes Einkommen habe, aber Krankenkassenbeiträge zahlen muss. Ich wünschte, ich hätte 20 Prozent weniger als der Durchschnittsmann.

M. Berger schickte ihre Erfahrung per E-Mail und bat um Anonymisierung.

"Tarif heißt nicht gleich gerecht"

Ich selbst bin im öffentlichen Dienst und seit zwei Jahren bemühe ich mich darum, meiner tatsächlichen Arbeit entsprechend eingestuft und entlohnt zu werden. Dass das bei den männlichen Kollegen in Windeseile geschieht, ist sicher nur Zufall.

Meiner Erfahrung nach ist auch die Glasdecke (Frauen werden nicht über einen bestimmten Punkt hinaus befördert) ein Faktor für die Lohnungleichheit.

Kommentar einer Leserin auf zeit.de

"Der Mann muss doch die Familie ernähren"

Das Problem beginnt schon mit der Einstellung: Mir haben Vorgesetzte erzählt, dass sie bei gleicher Qualifikation Männer bevorzugt einstellen und auch gleich in eine höheren Gehaltsgruppe einstufen. Der Grund: "Weil ein Mann eine Familie ernähren muss, eine Frau nicht". Da wird dann schnell von sich auf andere geschlossen. Frauen kommen in der Denke der meist männlichen Chefs als Familienernährerinnen nicht vor.

Nun predigen uns ja Coaches ständig, dass das Gehalt ausschließlich von der Qualifikation und der Leistung abhängen sollte, nicht etwa von den Lebensumständen des Arbeitnehmers. In der Realität angekommen ist das allerdings nicht. 

Frauen wurde auch in meinem Unternehmen von Chefs oft unterstellt, qualitativ schlechtere Leistungen zu erbringen "weil sie zu Hause ja noch für Mann und Kind putzen und kochen müssen, da setzen sie sich nicht mit voller Kraft für die Firma ein". Auch sehr schön: "Die Frau XY schicken wir nicht zur Fortbildung, die ist 25, die heiratet ja eh und kriegt Kinder, dann ist die Investition umsonst gewesen".

Achja, diese Aussagen sind nicht aus den sechziger Jahren, sondern alle nach der Jahrtausendwende gefallen und sämtliche in einem Großkonzern.

Kommentar einer Leserin auf Facebook

"Männer sind in Gehaltsverhandlungen härter"

Wir führen als Familie zwei Hotelbetriebe, meine Eltern, meine Schwester und ich. Insgesamt sind bei uns 150 Mitarbeiter in der Gastronomie und Hotellerie beschäftigt – und da werden grundsätzlich keine Unterschiede bezüglich des Gehalts gemacht. 

Wenn ich mein privates Umfeld betrachte, habe ich jedoch oft den Eindruck, dass Männer "aggressiver" in Gehaltsverhandlungen gehen (oder überhaupt welche anstoßen). Das sollte natürlich eigentlich keinen Unterschied machen – aber es tut es dennoch. In meinem Augen ist das auch nachvollziehbar.

Darüber hinaus gibt es schlicht unterschiedliche Präferenzen bei der Berufswahl. Der Aspekt "gleiche Arbeit" ist dann zwar verschwunden, aber in der Volkswahrnehmung macht das wohl nicht immer einen Unterschied.

Ich will damit keine Diskussion darüber anstoßen, ob die unterschiedlichen Präferenzen bei der Berufswahl nun genetisch, gesellschaftlich oder gezielt antrainiert sind (Aluhüte, ahoi!), aber letztendlich kann man als Individuum eine solche Präferenz überwinden, egal woher sie stammt.

Falko Welling (28), Assistent der Geschäftsführung aus Moers, schickte uns seinen Beitrag per E-Mail.