Für seinen Traumberuf musste Manfred Weindl hart kämpfen: "Ich wollte, genauso wie mein großer Bruder, unbedingt Polizist werden", erzählt der Niederbayer. Den Aufnahmetest schloss er als einer der Besten ab, Probleme machten nur seine Augen: Mehrere Atteste wurden zur Sehfähigkeit des Brillenträgers erstellt, das eine erklärte ihn für diensttauglich, das andere wieder nicht – schlussendlich bekam Weindl eine Absage vom Polizeipräsidenten. "Das war für mich nicht hinnehmbar", erinnert er sich. Er schrieb an den damaligen bayerischen Innenminister Gerold Tandler und schilderte ihm die Situation der widersprüchlichen Gutachten. Drei Monate später durfte der 19-Jährige die Ausbildung beginnen. "Ich war der glücklichste Mensch."

Das blieb auch lange so, trotz gefährlicher Einsätze bei Großdemonstrationen, trotz berufsbedingter Verletzungen und trotz Ermittlungen, hinter denen sich in vielen Fällen ein persönliches Schicksal verbarg. Weindl fühlte sich wohl in seiner Tätigkeit, war mit vollem Herzen Polizist. "Doch dann kam dieser Tag im November 1997. Ich war mit einer jungen Kollegin auf Streife, als uns ein Auto ohne Kennzeichen entgegenkam. Als der Fahrer uns sah, steuerte er sein Fahrzeug auf den Gehweg und hantierte am Beifahrersitz herum. Wir entschlossen uns, ihn zu überprüfen", erzählt Weindl. "Dabei stellte sich heraus, dass das Auto nicht versichert ist und der Mann keinen Führerschein hatte. Er wehrte sich gegen die Überprüfung seiner Personalien und schlug auf mich ein. Da habe ich ihm einen Faustschlag versetzt, um ihn festnehmen zu können." 

Der Fall landete vor Gericht: Ein Strafrichter verurteilte den Festgenommenen zu vier Monaten auf Bewährung. Dieser wiederum verklagte Weindl vor einem anderen Gericht auf Schmerzensgeld. Immerhin hatte der Beamte ihm bei dem Einsatz die Nase gebrochen. Vor diesem Gericht bekam der Mann Recht – Weindl wurde verurteilt. "Obwohl mir der erste Richter bestätigt hatte, absolut richtig gehandelt zu haben und auch alle Indizien dafür sprachen, wurde ich verurteilt. Da habe ich angefangen, an unserem Rechtsstaat zu zweifeln", sagt er. 

Wie sollte er den jetzt noch als Polizist verteidigen? Langsam aber stetig wuchs der Unmut. "Ich wollte nicht mehr Teil dieses Rechtssystems sein." Voller Selbstzweifel fiel er in eine tiefe Depression und versuchte, seine Probleme im Alkohol zu ertränken – er dachte sogar an Suizid. Zunächst musste er seine Waffe abgeben, dann den Polizeidienst verlassen. "Mit 42 wurde ich vorzeitig in Pension geschickt."

Gespür für sensible Vierbeiner

Neben seiner Frau half ihm ein Tier, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. "Es war eine Idee, die eines Tages plötzlich da war. Die Idee: Ich brauche ein Pferd. Bis dahin hatte ich noch nie etwas mit Pferden zu tun gehabt und auch noch nie auf einem Pferd gesessen. Als absoluter Laie habe ich mir dann eine zweijährige Vollblutstute gekauft, die nicht zugeritten war", erzählt er. Anfangs ging Weindl viel mit der Stute spazieren, teilweise waren ihre Ausflüge 20 Kilometer lang. Dadurch baute sich Vertrauen auf. Als das Pferd alt genug war, ritt Weindl es zu. Rein nach Gefühl. Das klappte gut. "Ich bin ein Mensch, der sich gerne Aufgaben sucht, von denen er vorher keine Ahnung hat. Weil man dann gefordert ist. Ich merkte schnell, dass ich gut mit Pferden kann", sagt er. Außerdem machte er einen kalten Entzug. Und überwand seine Depression.

Auch andere Menschen baten Weindl nun immer häufiger um Hilfe, wenn sie Probleme mit ihren Tieren hatten. So auch bei einem Pferd, das nicht auf einen Anhänger gehen wollte. Ein Tierarzt war bereits vor Ort, um das Tier notfalls zu sedieren, als Weindl eintraf. Kurze Zeit später hatte er das Pferd verladen. "Der Tierarzt war davon so fasziniert, wie ich das gemacht hatte, dass er mich fragte, ob ich nicht mit ihm arbeiten mag", erzählt Weindl. Tatsächlich dauerte es noch ein weiteres Jahr, bis er zusagte. "Ich musste das erst mal realisieren, ehe ich mich zu dem Schritt entschlossen habe, professionell mit Pferden zu arbeiten."

Mittlerweile ist Weindl als Pferdeflüsterer vom Salzweg bekannt. 1.500 Tiere hat er bislang in einer Verhaltenstherapie mit Erfolg behandelt. Dabei ist ihm eines ganz wichtig: Es darf kein Druck aufgebaut werden. "Ich vertrau da wirklich auf mein Gefühl. Klar habe ich einige Bücher über Pferde gelesen, aber ich habe nie irgendeinen Kurs oder einen Pferdeprofi besucht. Das habe ich alles selbst entwickelt. Ich zeige dem Tier, dass ich sein Ranghöherer bin und dass es mir vertrauen kann. So helfe ich ihm, Ängste abzubauen", erzählt er.

Beispielweise in einer veterinären Rehaklinik, in der Weindl die Tiere auf ein Wasserlaufband vorbereitet. "Wasser mögen sie am Anfang nicht und dann sollen sie auch noch auf einen Untergrund gehen, der sich bewegt. Ich vermittel ihnen, dass sie keine Angst haben müssen", sagt der Pferdeflüsterer. Das spricht sich rum: Aus ganz Deutschland fragen inzwischen Pferdebesitzer an, wenn sie einen einfühlsamen Therapeuten für ihre Vierbeiner suchen, der diesen die Angst vor Tierärzten, Wasser, Sprühflaschen oder Planen nimmt.

Eine berufliche und persönliche Bestätigung, an die Weindl nach seinem Zusammenbruch vor zehn Jahren nicht geglaubt hätte. "Die Pferde haben mir das Leben gerettet", sagt er heute rückblickend. Die Lebensfreude ist längst zurückgekehrt. "Durch die Tiere habe ich wieder eine Aufgabe bekommen, die absolut meins ist. Sie haben mir das Gefühl gegeben: Du kannst was. Dazu habe ich nichts lernen müssen, sondern einfach meinem Gespür vertraut. Ich habe verstanden, warum es Pferden schlecht geht, was sie brauchen." Weindl weiß, dass er nun in seinem wahren Traumberuf angelangt ist.

Wenn auch Sie einen Neuanfang gewagt haben, dann melden Sie sich gerne bei uns und erzählen uns Ihre Geschichte.