Eine Boeing 737 im Rückspiegel. Na und? Für Horst Graue ist das ganz normal. Er arbeitet als Marshaller auf dem Flughafen Bremen. Für seinen Beruf ist auch die Bezeichnung Einwinker gebräuchlich, denn tatsächlich zeigen Marshaller Flugzeugen nach der Landung ihren Platz auf dem Vorfeld und vor dem Abheben den Weg zur Startbahn. "Die genaue Bezeichnung lautet Flight Line Marshaller und kommt aus dem Englischen. To marshal bedeutet übersetzt etwas ordnen oder jemanden leiten. Und genau das machen wir auf dem Flughafen", sagt Graue.

Landet beispielsweise eine Linienmaschine auf dem Flughafen, bekommt die Maschine vom Vorfeldkontroller einen Platz auf dem Vorfeld zugewiesen. Per Funk wird Graue darüber informiert, welcher Stellplatz dem Flugzeug zugewiesen wurde. Auf dem Taxiway, also einem festgelegten Rollweg, führt Graue das Flugzeug zum entsprechenden Platz. 

Auf dem Airport Bremen fahren Marshaller mit einem schwarz-gelben Fahrzeug mit typischen Follow-Me-Schriftzug vor und weisen den Piloten so den Weg zu "seinem Parkplatz". Zuvor muss Graue kontrollieren, ob der Platz sauber und frei von Hindernissen ist. "Die Sicherheit muss zu jeder Zeit gegeben sein", sagt er.

Am Stellplatz angekommen weist der Marshaller den Piloten durch direkten Sichtkontakt zentimetergenau ein. Denn wenn ein Flugzeug einparken soll, ist Präzision gefragt. Die Einwinker benutzen dazu Kellen, bei schlechter Sicht auch Leuchtstäbe, mit denen sie den Piloten Zeichen geben und die Maschine so in die endgültige Position dirigieren.

"Wir benutzen spezielle Zeichen für Stopp, Vorwärts, Rechts, Links und so weiter – diese sind auf der ganzen Welt einheitlich", sagt Graue. Er muss beim Einwinken die Abmessungen der jeweiligen Maschine berücksichtigen, damit die Fluggastbrücke, die zum Aussteigen der Passagiere dient, genau angedockt werden kann.

Außer Einparkhilfe lotsen Marshaller auch Baufahrzeuge zu Baustellen innerhalb des Flughafengeländes oder begleiten Rettungsfahrzeuge bei einem Notfall an Bord zur entsprechenden Maschine. Zudem kassieren Marshaller auch die Landegebühr von Kleinfliegern ab, wenn diese kostenpflichtig einen Flughafen benutzten. "Unsere Arbeit ist weitaus vielfältiger, als das, was von der Besucherterrasse eines Flughafens zu sehen ist. Im Grunde koordinieren und überwachen wir den gesamten Verkehr auf dem Rollfeld", sagt Graue.

Gut bezahlte Einparkhilfen

Wer als Marshaller arbeiten möchte, muss zuvor bereits einige Jahre im Bodenverkehrsdienst eines Flughafens gearbeitet haben und eine Ausbildung zum geprüften Flugzeugabfertiger abgeschlossen haben. Erst nach Bestehen einer Eignungsprüfung kann die eigentliche Ausbildung intern am Flughafen beginnen. 

Die Ausbildung dauert sechs bis acht Wochen und erfolgt on the job: der angehende Marshaller arbeitet also unter der Aufsicht eines erfahrenen Kollegen gleich vom ersten Tag an auf dem Rollfeld. Auch nach der Abschlussprüfung werden frischgebackene Marshaller in den ersten sechs Monaten weiterhin von erfahrenen Kollegen begleitet. "Wir tragen eine hohe Verantwortung", sagt Graue.

Innerhalb der Ausbildung bekommen angehende Einwinker insbesondere die Eigenarten des Flughafens vermittelt, etwa wo die verschiedenen Parkpositionen sind und ob es Besonderheiten auf dem Rollfeld gibt. Sie lernen das Sprechfunkverhalten und die verschiedenen Zeichen für Kelle und Leuchtstäbe und auch, wie man sich in Notsituationen zu verhalten hat. "Letztlich werden wir auf alle möglichen Szenarien auf dem Rollfeld und drum herum vorbereitet", sagt Graue.

Marshaller sollten ein überdurchschnittliches Interesse für die Luftfahrt und Flugzeuge haben. Sie benötigen umfangreiches Wissen über die einzelnen Flugzeugtypen und Organisationstalent und müssen multitaskingfähig und stressresistent sein. Ganz wichtig ist auch, in unübersichtlichen Situationen einen kühlen Kopf bewahren können. Zu guter Letzt ist fließendes Englisch Voraussetzung. "Die vielen Kommandos müssen auf Englisch sitzen", sagt Graue.

Für Externe, die nicht schon einen Job an einem Airport haben, sind die Chancen auf eine Anstellung als Marshaller jedoch schlecht. Einwinker werden fast ausschließlich aus bestehendem Personal des Flughafens rekrutiert. Der Wechsel von einem Flughafen auf einen anderen ist selten möglich. "Die Infrastruktur und die speziellen Vorschriften des Airports sind immer unterschiedlich", sagt Graue. Ein Wechsel würde letztlich eine neue Ausbildung erfordern. Außerdem kann die Schichtarbeit kann auf Dauer belastend sein. Hinzu kommen Arbeitstage, die auch mal zehn Stunden lang sein können, denn nicht immer geht im Ablauf alles glatt. Zugleich müssen die Einwinker bei jedem Wind und Wetter auf dem Rollfeld stehen. 

Für Graue sind die negativen Seiten seines Berufes jedoch reine Gewöhnungssache. "Für Menschen mit Faible für Flugzeuge ist die Arbeit enorm spannend. Wir werden immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert, die wir schnell und besonnen lösen müssen." Außerdem werden Marshaller vergleichsweise gut bezahlt. Die Einstiegslöhne liegen bei 48.000 Euro Jahresbrutto.

  • Gehalt: variiert, ab etwa 48.000 Euro brutto im Jahr;
  • Arbeitszeit: Die Arbeit im Schichtdienst liegt bei 8,5 Stunden pro Tag;
  • Ausbildung: flughafeninterne Ausbildung, Dauer: sechs bis acht Wochen.