Auf einem Acker steht ein altes Haus, es ist grau, an einigen Stellen hat es Risse, auf den terracottafarbenen Dachpfannen breitet sich schon Moos aus. Verlassen steht das Bauwerk in der Landschaft und gibt seinem Betrachter viel Raum für Interpretationen. Wolfgang Meyer-Hesemann hat das Bild in Italien aufgenommen. Natur und Landschaften inspirieren den Künstler. "Schöne Landschaftsaufnahmen findet man überall – das ist nicht meine Ambition, sondern eine neue, zeitgemäße Sprache für Landschafts- und Naturfotografie zu entwickeln", sagt er. Der 62-Jährige ist Künstler mit ganzem Herzen, doch viele kennen ihn in einer ganz anderen Rolle. Bevor der Wahl-Schleswig-Holsteiner sein Hobby zum Beruf machte, war er 27 Jahre im politischen Geschäft tätig.

Seine Karriere begann als Verwaltungsrichter in Münster. "Doch schon nach ein paar Jahren hatte ich das Interesse, aus der Justiz herauszukommen. Es war ein berufliches Leben, das mir zu sehr nur auf Akten basierte", erzählt Meyer-Hesemann. Und tatsächlich bekam er die Chance dazu: Unter dem damaligen nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau konnte Meyer-Hesemann in die Staatskanzlei nach Düsseldorf wechseln. In der Abteilung für politische Planung bewertete er Projekte unter juristischen Aspekten. Nach kurzer Zeit übernahm er die Geschäftsführung des Rundfunkausschusses NRW – dem Gremium, das den Privatrundfunk einführte – und wurde danach Büroleiter des Staatskanzlei-Chefs. "Dann kam die Wende und ich durfte viel an den Prozessen und Verhandlungen rund um die Wiedervereinigung im Hintergrund mitwirken."

Wenig später schickte Johannes Rau ihn als seinen persönlichen Berater in die Bildungskommission NRW, deren Aufgabe es war, Perspektiven für die Entwicklungsprobleme im Bildungswesen und der Schule zu erarbeiten. "Nach zwei Jahren legten wir unseren Bericht Schule der Zukunft – Zukunft der Schule vor. Für mich war diese Arbeit quasi der Einführungslehrgang für das, was danach kam: Ich bin in das Kultusministerium gewechselt." 1998 wurde Meyer-Hesemann zum Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung ernannt.

Hart und schmucklos abgewickelt

Sechs Jahre später erhielt er einen Anruf aus Schleswig-Holstein: "Die Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave war auf der Suche nach einem neuen Staatssekretär als Ersatz für Ralf Stegner und bat mich um eine Empfehlung. Nach zwölf Jahren in NRW sah ich darin die Chance eines Wechsels. Meine Frau und meine Tochter waren von der Idee begeistert. Also lautete meine Empfehlung: Nimm doch mich." Das tat die Politikerin auch. Zwei Monate später zog Meyer-Hesemann samt Familie aus dem vergleichsweise riesigen NRW mit 18 Millionen Einwohnern in das überschaubare Schleswig-Holstein mit drei Millionen Einwohnern.

Alle waren zufrieden. Bis zum Juli 2009. Da brach die große Koalition in Schleswig-Holstein auseinander und eine schwarz-gelbe Regierung folgte. "Wir wurden innerhalb von einer Woche auf die Straße gesetzt. Das lief relativ hart und schmucklos ab – ein tiefer Bruch nach so einer langen Zeit im Politikbetrieb", erinnert sich Meyer-Hesemann, der zu dem Zeitpunkt 57 Jahre alt war.

Doch die lange Zeit im Politikbetrieb war auch sein Glück: "Ich war durch meine bisherige Tätigkeit so weit abgesichert, dass ich es mir erlauben konnte, ausschließlich das zu machen, was sonst immer eine geliebte Nebenbeschäftigung war, aber viel zu kurz kam: mich mit Kultur und Fotografie zu beschäftigen." Björn Engholm folgte er als Vorsitzender des Kulturforums Schleswig-Holstein nach. "Nach so vielen Jahren bürokratischer und politischer Arbeit war es gar nicht so leicht, wieder frei zu werden und kreativ und experimentell zu sein." Ein wenig deformiert habe er sich zunächst auf dem künstlerischen Terrain gefühlt, erzählt Meyer-Hesemann und lacht. Zur Lockerung habe er viele Workshops besucht und intensiv mit anderen Künstlern zusammengearbeitet.

Endlich frei

Inzwischen hat der Fotograf etliche Ausstellungen gemacht. "Ich denke, dass ich heute auf einem Stand bin, mich mit meinen Arbeiten sehen zu lassen", sagt er. Dennoch erlebe er immer wieder, dass er noch sehr stark in seiner alten Rolle wahrgenommen werde. "Für viele bin ich noch der frühere Staatssekretär. Zudem ist es wirklich schwer, sich unter den Künstlerinnen und Künstlern zu etablieren – auch weil viele junge Menschen auf dem Feld tätig sind – und wenn es um Stipendien, Publikationen, Ausstellungen und Preise geht, wollen die immer junge Leute haben. Da muss ich jetzt sehen, wie ich mich behaupte."

Momentan arbeitet Meyer-Hesemann an einem ungewöhnlichen Fotobuch über seinen früheren Beruf und wie er ihn heute sieht: "Es ist sehr spannend, das fotografisch umzusetzen." Er sei kein Fotograf, der nur eine Sache mache, sehe seinen Mittelpunkt zur Zeit vor allem in Naturaufnahmen – auch inspiriert von der schönen Umgebung, in der er lebe. "Ich will aber nicht ausschließen, dass ich mich noch in eine ganz andere Richtung entwickle."

Ganz sicher weiß er hingegen, dass er nie mehr in die Politik zurückkehren wird: "Ich habe meinen Beruf wirklich sehr gern gemacht, vermisse ihn aber überhaupt nicht. Das Leben war in weitem Maße fremdbestimmt." Jetzt habe sein Leben eine andere Qualität." Das ist ein ganz großes Privileg, diese Chance in seinem Leben zu erhalten", sagt der Ex-Staatssekretär. Er sei glücklich mit seinem beruflichen Wechsel und auch mit dem des Bundeslandes, in dem er nun lebe.