Frauen wird offensives Selbstmarketing oft negativ ausgelegt.

ZEIT ONLINE: Selbstmarketing gilt als wichtig für den beruflichen Erfolg. Wie pusht die Eigenwerbung die Karriere, Frau Possehl?

Gianna Possehl: Internationalen Studien und Umfragen unter Headhuntern zufolge hat unsere Fachkompetenz nur einen Anteil von etwa zehn Prozent daran, wie unsere Karriere verläuft. Unser Image beeinflusst die Karriere zu 30 Prozent und unsere Bekanntheit sogar zu 60 Prozent.

Das heißt aber nicht, dass wir fachlich keine Ahnung haben brauchen. Natürlich wird Kompetenz vorausgesetzt. Aber: Sie schafft keinen Mehrwert. Fleißig zu sein, loyal zu sein und gewissenhaft zu arbeiten, alles das fördert leider das berufliche Vorankommen nicht. Es sind überwiegend Frauen, die immer noch zu wenig ihre Leistungen und Erfolge kommunizieren und sich dann wundern, dass die Herren, die selten die Fleißarbeiten verrichten, an ihnen vorbeiziehen. 

ZEIT ONLINE: Warum fällt es Frauen denn so schwer, für sich selbst zu werben?

Possehl: In meinem Poesiealbum schrieb mir in der Grundschule jemand folgenden Spruch: "Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein". In der Gesellschaft dominiert nach wie vor ein traditionelles Frauenbild. Auch die junge Frauengeneration ist noch davon geprägt. Danach sind Frauen zurückhaltender. Es ist immer noch problematisch, wenn eine Frau erfolgreicher ist als ein Mann. Frauen, die sich in den Mittelpunkt stellen, gelten immer noch schnell als besserwisserisch und wenig weiblich.

Schon als Kinder werden Jungen häufiger dazu ermutigt, sich kompetitiv zu verhalten. Selbst wenn die Eltern ihre Kinder nicht nach Geschlechterklischees erziehen, vermitteln dennoch Fernsehen, Werbung, Medien, Lehrer und Erzieher diese typischen Bilder. Ich habe das bei meinen drei Söhnen selbst erlebt – obwohl ich sie genderneutral erzogen habe, ging es beim Spielen oft darum, wer der Chef ist und das Sagen hat. Sie hatten Spaß daran, sich zu messen und anderen überlegen zu sein. Bei Mädchen wird dieses Verhalten eher unterdrückt. Ihnen wird vermittelt, dass sie sich kooperativ verhalten sollen, unterstützend beim Spielen mit anderen. Das prägt unser Verhalten auch als Erwachsene. Und solange Führungsetagen vorrangig von Männern besetzt sind, gelten dort deren Spielregeln.

ZEIT ONLINE: Leistungen laut darzustellen ist doch aber nichts anderes als anzugeben.

Possehl: Nein, gerade darum geht es ja nicht. Es geht darum, sichtbar zu sein und eben nicht nur die großen, bahnbrechenden, sondern auch die kleinen, gefühlt alltäglichen Leistungen zu kommunizieren. Mit ein bisschen Übung geht das auch ohne rote Ohren zu bekommen.

Studien zufolge kommunizieren Frauen rund 20-mal häufiger ihre Unzulänglichkeiten und Schwächen als ihre Stärken und Erfolge. Welches Selbst- und Fremdbild sie damit prägen, ist also leicht zu erkennen.

ZEIT ONLINE: Wie sollte man sich stattdessen positionieren?

Possehl: Man besinnt sich auf seine Stärken. Ein guter Tipp ist es, 100 Stärken aufzuzählen. Das klingt zunächst sehr viel – aber glauben Sie mir: Männer schaffen diese Übung oft sehr einfach, Frauen tun sich damit sehr schwer.

Man kann sich auch von guten Kollegen und Freunden spiegeln lassen. Was schätzen diese Personen an einem selbst? Oft kommen dabei Dinge heraus, die wir als selbstverständlich erachten, die es aber für andere nicht sind. Auch tendieren Frauen dazu, sich auf ihre Schwächen zu fokussieren und daran zu arbeiten. Das ist zwar ein wertvoller Ansatz, aber leider einer, der auf das eigene Defizit gerichtet ist. Wenn wir uns so erhalten, erreichen wir maximal ein Mittelmaß. Bitte nicht falsch verstehen, wir sollten immer versuchen, uns zu verbessern und uns zu entwickeln. Aber dabei darf man eben nicht seine Stärken vergessen.

ZEIT OLNINE: Sind auch Statussymbole wichtig?

Possehl: Strenge Dresscodes gibt es heute weniger. Manche meiner Klienten sind CEOs oder CFOs und tragen Turnschuhe. Die Bedeutung von Statussymbolen hat daher abgenommen, aber sind noch nicht ganz verschwunden. Nach wie vor gilt in vielen Unternehmen der Satz, dass man sich für den nächsthöheren Job kleiden sollte, wenn man aufsteigen möchte. Führungskräfte, die mit einer Kunstlederhandtasche oder billigen Plastikschuhen herumlaufen, werden nicht ernst genommen. Das ist leider eine sehr oberflächliche Sich, aber ändert sich offenbar kaum. Ich kenne aber einige Führungsfrauen, die dieses Spiel auf ihre eigene Weise mitspielen. Sie tragen den Ring der Großmutter und Kleidung aus Vintage Stores und Flohmärkten und sehen damit aus, als wären sie gerade aus der Vogue gehüpft. Budget: 20 Euro, Look und Wirkung: 1.000 Euro.

ZEIT ONLINE: Zum Selbstmarketing gehört auch, Kontakte knüpfen und Netzwerke aufzubauen. Was mache ich, wenn ich eher schüchtern bin?

Possehl: Das kann man lernen. Der Trick dabei ist, es einfach zu tun. Die bekannte amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy hat in ihrem TED-Talk dazu folgendes geraten: "Fake it until you become it!"

Man kann auch erst im Alltag üben: fremde Menschen nach dem Weg fragen, auch wenn ich ihn googeln könnte oder im Restaurant nach Empfehlungen fragen und Kollegen ein ernst gemeintes Kompliment machen.

Wenn wir länger als drei Sekunden darüber nachdenken, wie wir jemanden ansprechen können, ist die Sache meist schon gelaufen.

Wertvolle Kontakte kann man bei einer jobrelevanten Veranstaltung treffen. Es ist durchaus eine gute Idee, so eine Veranstaltung alleine zu besuchen und hinterher beim Get-together auf andere zuzugehen. Die Chance, dass ich damit anderen einen großen Gefallen tue, ist hoch. Und die, dass ich mein Netzwerk vergrößere, sowieso. 80 Prozent aller Menschen finden es schwierig, andere anzusprechen. Man kann also nur gewinnen.