ZEIT ONLINE: Frau Seven, Sie behaupten, Männer werden in der Arbeitswelt zunehmend unsicherer, Frauen stärker. Woran machen Sie diesen Wandel fest?

Karin Seven: Ich beobachte in meinen Trainings, dass Männer zwischen 25 und 45 Jahren sich sehr defensiv zeigen. Sie haben unklare Gesten, ein gesenktes Brustbein und wirken oft nicht stimmig. Statt auf beiden Beinen, stehen sie nur auf einem Bein. Ihr Ton ist leise, zu hoch und bröckelig, statt klar und fest. Sie nutzen viele Füllwörter, was ihre Unsicherheit deutlich zeigt. Ihnen fehlt Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Und am liebsten würden sie sich hinter dem Schreibtisch, Rednerpulten oder Flipchart verstecken.

ZEIT ONLINE: Wissen die Männer, dass sie unsicher wirken?

Seven: Viele fühlen diese Unsicherheit, geben es nach außen aber nicht zu. Ich beobachte diese Entwicklung aber nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben. Tritt eine starke Frau auf, bekommen viele Männer Angst. Zugeben würden es aber nur die wenigsten.

ZEIT ONLINE: Und bei den Frauen?

Seven: Sie sind sichtbarer in ihren nonverbalen Ausdrucksmitteln. Mein Eindruck ist, dass besonders die junge Frauengeneration dynamisch und offensiv ist. Viele junge karriereambitionierte Frauen treten mutig auf und verraten mit ihrer Körpersprache und Stimme ihre Absicht und Zielstrebigkeit.

ZEIT ONLINE: Und das schüchtert die Männer ein?

Seven: Die Geschlechterrollen haben sich durch die Emanzipation stark verändert. Heute stehen Männer viel stärker mit Frauen in Konkurrenz.

Für dieses Zusammenspiel sind Männer aber nicht geübt genug. Besonders auch die ältere Männergeneration ist oft überfordert, wenn sie auf zielstrebige, junge Frauen treffen. Mein Eindruck ist, dass es den jungen Männern an einem klaren Leitbild fehlt und sie vor der Herausforderung stehen, sich neu zu positionieren.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind ja in Führungspositionen oder auch auf Podien noch immer Männer in der Überzahl.

Seven: Wir stecken noch mitten im Wandel. Männer gelten deshalb noch als Macher. Dieser Ruf ist trotz der Entwicklung, die Frauen in den letzten 20 Jahren vollzogen haben, noch immer sehr stark. In Frankreich oder den USA beispielsweise sind Frauen viel weiter. Dort wird Frauen der Berufseinstieg und später der Karrieresprung leichter gemacht. Dort ist das archaische Männerbild längst überholt.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Männern, um aus dieser Rolle herauszufinden?

Seven: Sie müssen akzeptieren, dass jetzt auch Frauen mit auf dem Spielfeld sind. Dazu müssen sie ihre Rolle grundlegend überdenken und sich neu positionieren. Sie müssen sich fragen, ob sie es aushalten können, mit Frauen auf Augenhöhe zu arbeiten. Und sie müssen das archaische Rollenverständnis ablegen.

ZEIT ONLINE: Stoßen Sie mit Ihrem Männer-Coaching bei Frauen auf Unverständnis?

Seven: Nein, denn viele Frauen verfügen über das nötige Know-how, um in die Positionen zu streben, die ihnen zustehen. Und sie haben kein Problem mit starken Männern. Ganz im Gegenteil, sie wünschen sich starke Männer, um mit ihnen auf Augenhöhe agieren zu können. Aber auf einer gleichberechtigten Ebene – und die fehlt noch.

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