Die Investmentbank Goldman Sachs hat eine Richtlinie erlassen, damit die Praktikanten der Bank spätestens um Mitternacht nach Hause gehen und nicht vor sieben Uhr morgens zurück ins Büro kommen. Mehr als 17 Stunden arbeiten solle kein Mitarbeiter, heißt es darin.

Die Gesetze sagen etwas anderes. Die Höchstarbeitszeit ist in Großbritannien auf 48 Stunden in der Woche begrenzt, so steht es seit 1998 in den Working Time Regulations. Bei einer Fünftagewoche dürfen Arbeitnehmer also nicht mehr als neun Stunden am Tag arbeiten, bei einer Sechstagewoche sind es maximal acht Stunden.

Davon kann bei Goldmann Sachs davon offenbar keine Rede sein; die neue Richtlinie zeugt davon, dass alles bis zu 17 Stunden für normal gehalten wird.

Rund 2.900 Praktikanten arbeiten für diese Investmentbank. Sie kommen aus der ganzen Welt, sind meist Studenten einer Eliteuniversität und haben sich gegen Tausende Bewerber durchgesetzt. Sie alle hoffen, einen der sehr begehrten Jobs bei Goldman Sachs oder einer anderen internationalen Investmentbank zu ergattern.

Die Ausbildungsprogramme sind auf erbitterten Wettbewerb ausgelegt, nicht nur bei Goldman Sachs. Die Programme dauern mehrere Monate, am Ende wird einer von drei Praktikanten übernommen, wenn es gut läuft, oft ist es nur jeder Zehnte. Zwar bekommen Praktikanten bei internationalen Investmentbanken im Schnitt ein Monatsgehalt von mehr als 3.000 Euro. Doch dafür erwarten die Banken einen Einsatz über das Limit hinaus. 

15- oder sogar 17-Stunden-Tage sind die Regel. Und um in diesem Klima des Wettbewerbs zu bestehen, nehmen viele Aufputschmittel, um Hochleistungen zu erbringen. In den Banken herrscht das Gesetz des Stärkeren. Wer das nicht aushält, gilt als Schwächling und Versager. Die Praktikanten sind für die Banken jederzeit austauschbar. Und weil der Nachwuchs das weiß, beutet er sich freiwillig selbst aus, denn Dienstanweisungen gibt es zu all dem freilich nicht.

Zwar ist es in Großbritannien möglich, dass ein Mitarbeiter mit einer Opt-Out-Erklärung auf die maximale 48 Stundenwoche verzichtet und mehr arbeitet. In der Regel werden solche Erklärungen aber nur bei hochkarätigen Führungsjobs ab der Geschäftsführungsebene angewendet – und nicht für Praktikanten. Sie nämlich stehen als Auszubildende nach dem britischen Arbeitsrecht unter besonderem Schutz des Arbeitgebers.

Ausbeutung der Eliten

Mehrarbeit, auch wenn sie freiwillig geleistet wird, muss dokumentiert werden und für zwei Jahre gespeichert werden. Und wenn Mitarbeiter freiwillig ununterbrochen arbeiten, hat der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht. Er muss einschreiten, wenn Mitarbeiter sich unvernünftig verhalten und ein Risiko für ihre Gesundheit und Sicherheit eingehen. Angesichts dessen ist eine Richtlinie, die von Mehrarbeit über 17 Stunden am Tag hinaus abrät, zynisch.

Ebenso zynisch ist, dass Hochqualifizierte, die sehr gut bezahlt werden, immer mehr arbeiten. Der Ökonom Jay L. Zargorsky von der Ohio State University rechnet damit, dass die Einkommen der Hochqualifizierten in Zukunft drastisch steigen und eine Wochenarbeitszeit von bis zu 100 Stunden normal wird. Die Bereitschaft zu Überstunden sinkt hingegen, wenn Mitarbeiter schlecht bezahlt werden und keine Aussicht darauf haben, ihre Arbeitssituation zu verbessern. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Monash Business School.

Während die einen nicht mehr von ihrer Erwerbsarbeit leben können und wenig Chancen haben, ihre Situation zu verändern, schuften sich die anderen kaputt und im Glauben, eines Tages zur Elite zu gehören. Ausgebeutet aber werden die einen wie die anderen.