"Frau Gutmann, zehn Jahre haben Sie geschafft, 30 haben Sie noch vor sich!" Dieser Satz, ausgesprochen vom Betriebsratsvorsitzenden bei meinem zehnjährigen Betriebsjubiläum in einem internationalen Großkonzern, fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. War das schon alles? 

Der Satz war einer der Auslöser, meiner Karriere eine notwendige Wende zu geben. Ich kündigte meine sichere Stelle als Personalleiterin. Und gab damit auch ein sattes Gehalt, einen Firmenwagen oder meinen Vielflieger-Status bei der Lufthansa auf.

Am Tag nach der Kündigung war ich frei von jeglichem Ballast, aber auch ohne finanzielle Sicherheit. War meine Kündigung mutig oder dumm?

Bis zu diesem Zeitpunkt war meine Laufbahn stromlinienförmig verlaufen, passierte einfach. Nach dem Abitur studierte ich ein Jahr im Ausland, um die Welt zu erkunden, Sprachen zu lernen – und Zeit  zu gewinnen. Dieses Jahr wie auch alle danach folgenden Auslandsaufenthalte gehörten zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Aber die Rechnung bezüglich der Entscheidungsfindung ging nicht auf. Ich stand ein Jahr später immer noch vor der bohrenden Frage: Was nun?

Auch heute stellen sich Abiturienten und Studenten diese Frage. Und die Antwort ist nicht einfacher geworden. Sogar jene, die wissen, was sie wollen, und das sind die Ausnahmen, stehen vor einer Unmenge an Möglichkeiten: Welche Uni, in welchem Land, mit welchem Schwerpunkt, oder vielleicht doch kein Studium? Die Welt ist kleiner geworden und steht uns offen, mehr als je zuvor. Angeblich gibt es 16.000 Studienrichtungen – das bedeutet jede Menge Freiheit, aber auch Stress.

Stress, das Richtige zu wählen, Stress, nicht seine Erfüllung damit zu finden, Stress, nicht reich damit zu werden und Stress, zu viel Stress zu haben.

Nur jeder Fünfte hat Leidenschaft für ein bestimmtes Fach

Wer heute ins Berufsleben startet, sucht oft nicht nur einen halbwegs sicheren Arbeitsplatz. Die meisten Berufsanfänger wünschen sich überdies Erfüllung. Follow your Passion, folge deiner Leidenschaft, lautet die Devise. Dieser Ratschlag setzt aber voraus, dass wir alle eine existierende Leidenschaft haben, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Aber Studien zeigen, dass nur jeder Fünfte so eine Leidenschaft für ein Themengebiet oder eine Tätigkeit hat. Und was ist mit allen anderen?

Sie werden mit diesem Anspruch stark unter Druck gesetzt. Egal wofür sie sich entscheiden, und vor allem dann, wenn es in der Umsetzung anstrengend  wird, sind sie ständig der Frage ausgesetzt: Ist es wirklich das, wofür ich bestimmt bin?

 Ich war eine von diesen Leidenschaftslosen – und entschied mich letztlich für Internationale Betriebswirtschaftslehre. Ich absolvierte Praktika in Frankreich, Südamerika, ein Semester in Kanada und machte sogar noch einen Master of Science. Als Trainee im internationalen Konzern angekommen wurde ich sofort angestellt. Ich war gekommen, um zu bleiben. Mein Vater hatte es mir vorgelebt mit fast 50 Jahren Berufstätigkeit bei nur einem Arbeitgeber und einer Karriere von ganz unten bis an die Spitze.

Je größer die Auswahlmöglichkeiten, desto größer ist oft auch die Unzufriedenheit mit der getroffenen Wahl. Frei wird jedoch nur, wer auch schwierige Entscheidungen selbst trifft. Eltern, Berater und Freunde unterstützen uns bestenfalls dabei. Abnehmen können sie uns die Beantwortung der Frage nicht. Aufschieben von Entscheidungen oder alle Optionen offenhalten bringt uns auch nicht weiter.

Ich lebte in meinem Beruf, was sich viele wünschen. Ich  arbeitete in einem internationalen Umfeld, war unterwegs in den Metropolen Europas, hatte spannende Aufgaben und Jobperspektiven. Ich erfüllte alle Kriterien einer Bilderbuchkarriere. Nur glücklich machte mich das irgendwann nicht mehr.