In die vierte Etage des ehemaligen Staatsratsgebäudes quält sich ein enger Aufzug nach oben. Ein langer Gang, viele offene Zimmertüren, hinter denen sich angestaubter DDR-Charme mit High-tech und Start-up-Flair mischt. Die Räume wirken roh und unfertig, leere Tischtennisplatten mit Stühlen drum herum warten auf kreative Köpfe. Die ziehen jetzt peu à peu ein.

Seit 2002 residiert die European School of Management and Technology (ESMT) im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR am Schlossplatz in Mitte. Die Räume in der vierten Etage eines Seitenflügels standen leer und dienten als Abstellraum. Vor ein paar Wochen zog dort das neu gegründete Netzwerk German Tech Entrepreneurship Center, kurz GTEC ein. Die provisorisch renovierten 1.200 Quadratmeter Bürofläche sollen sich bald 60 Gründer teilen. Neben einer funktionierenden IT-Infrastruktur bietet das GTEC noch eine ganz andere Währung, nämlich Kontakte zu ausgewählten Sponsoren, Coaching und Beratung.

Benjamin Rohé fungiert als Geschäftsführer von GTEC. Die Idee hinter dem Konzept klingt einfach: Gründer und alte Hasen sollen in entspannter Atmosphäre aufeinandertreffen, Ideen austauschen und voneinander lernen. Die ESMT initiierte gemeinsam mit Henkel, RWE, der Wirtschaftskanzlei Noerr sowie den Stiftungen Globumbus und Sigmund Kiener das Projekt. Neue Ideen und Kooperationen versprechen sich die Konzerne von der Zusammenarbeit. "Start-ups probieren Dinge aus, die wir nicht machen", erläutert Paolo Bavja, Corporate Director New Business Development von Henkel. Der Manager, der für den weniger bekannten Henkel-Geschäftszweig Klebstoffe und Oberflächenbeschichtung arbeitet, verspricht sich viel von der neuen Kooperation. "Die Gründer können unsere Labore nutzen und wir vermitteln ihnen Zugang zu unseren Kunden", verspricht er.

Auch Inken Braunschmidt von RWE erhofft sich neue Impulse, zumal der Essener Konzern gerade von der Energiewende überrollt wird. Das Unternehmen sucht deshalb nach neuen Ideen, die außerhalb des eigenen Kerngeschäfts liegen. "Wir wollen nicht den 20. Inkubator gründen, sondern etwas Neues von Anfang an mitgestalten", erklärt Braunschmidt und ergänzt: "An Berlin kommt niemand vorbei."

Das klingt fast ein bisschen verzweifelt, gerade weil viele Traditionsunternehmen lange die jungen Wilden aus der Start-up-Szene ignorierten. Doch seit Plattformen wie Airbnb, Uber oder Amazon viele klassische Geschäftsmodelle von Konzernen hinwegfegen und deren Marktanteile unbeschwert unter sich verteilen, geht in manchem Konzern die Angst um, bald auf dem Abstellgleis zu landen. Seit einiger Zeit ziehen deshalb ganze Karawanen von deutschen Managern durch das Silicon Valley und kommen mit langen Bärten und wenigen neuen Ideen zurück.

Unternehmen gehen da hin, wo Gründer sind

Wie viel Geld die Partner in GTEC investieren bleibt ihr Geheimnis, doch für manches Start-up ohne Kontakte in die Industrie könnten die Kooperationen mehr wert sein, wenn denn die Konzerne ihre Versprechungen auch einhalten. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT, nennt noch einen weiteren Grund, weshalb Traditionsunternehmen inzwischen dahin gehen, wo sie Entrepreneure treffen: "Studenten wollen immer weniger in etablierten Firmen arbeiten, sondern in Start-ups." Das trifft auf jeden Fall für den Geschäftsführer Benjamin Rohé zu, der sich in der Gründerszene bestens auskennt. Der 34-Jährige erzählt, dass er bereits mit 17 Jahren seine erste Firma gründete, vier weitere kamen im Laufe der Jahre hinzu. Ein Studium hat er nie absolviert, sein Credo lautet Learning by doing. Damit ist er US-amerikanischen Gründern näher als dem typisch deutschen Entrepreneur. Rohé mischt auch als Business Angel mit, gibt sein Wissen an angehende Firmenchefs weiter, investiert und verfolgt eine Mission: "Mein Ziel ist es, hundert Leuten zu helfen, ein Unternehmen zu gründen."

Die drei ersten Start-ups sind bereits eingezogen. Neben Intact Healthcare aus Italien bewarben sich die beiden osteuropäischen Gründerteams Uvizir und Smart Drive erfolgreich für einen Büroplatz. Drei weitere Firmen sollen im August folgen. Unter den ersten Mietern befindet sich auch eine Absolventin der ESMT, die jetzt als Gründerin zurückkommt.

Noch beheimatet Berlin keinen Dax-Konzern, doch ein Jobmotor ist die Start-up-Szene allemal. Kürzlich befragte der in Berlin ansässige Branchenverband Bitkom 227 Gründer aus der IT- und Internet-Start-up-Szene in Deutschland. Diese Firmen beschäftigen durchschnittlich 13 Mitarbeiter. Unternehmen, die länger als fünf Jahre am Markt sind, kommen sogar auf 25 Angestellte. Allerdings gibt es regionale Unterschiede. Während erfolgreiche Start-ups in München rund 21 Mitarbeiter beschäftigen, kommen Berliner Jungunternehmen auf etwa 17 Angestellte, für Hamburger Gründer arbeiten dagegen nur sechs Mitarbeiter. 

Über die Wahl des Standorts entscheiden zwar auch persönliche Präferenzen wie die Nähe zu Familie und Freunden, doch 60 Prozent nannten Arbeitsmarkt und Personalsituation am jeweiligen Ort als wichtiges Argument für oder gegen eine Stadt. Auch dieser Punkt geht an Berlin.