ZEIT ONLINE: Wissenschaftliche Studien belegen, dass wir etwa 60.000 einzelne Gedanken täglich haben. Davon sind aber lediglich drei Prozent positiver Natur. Warum ist das so, Frau Heimsoeth?

Antje Heimsoeth: Weil wir Gefangene unseres eigenen Gehirns sind. Wenn man seine Gedanken aufschreibt oder mithilfe einer Aufzeichnung analysiert, stellt man schnell fest: Nur ein Bruchteil davon ist wirklich positiv. Beispielsweise sagen wir sehr oft: "Es war nicht schlecht." Aus welchen Gründen formulieren wir unsere Rückmeldungen an Dritte nicht positiv – etwa: "Es war gut"? Diese Aussage ist nicht negativ, sie ist auch nicht destruktiv.  

Gedanken- und Psychohygiene ist wichtig für unsere psychische und physische Stabilität und Gesundheit, denn Gedanken erschaffen unsere Realität.

ZEIT ONLINE: Warum?

Heimsoeth: Unsere Gedanken bestimmen unser Handeln, unser Handeln steuert unser Verhalten und unser Verhalten gestaltet unser Leben. Unsere innere Einstellung beeinflusst also unser Handeln und Verhalten. Eine Führungskraft, die sich selbst nicht führen kann, kann weder sich noch andere führen. Dazu gehört die Kontrolle der eigenen Gedanken und Gefühle. Denn während positive Gedanken uns unterstützen, blockieren und hemmen uns negative.

Im Arbeitsalltag müssen wir meist schnell und flexibel reagieren sowie parallel die verschiedensten Rollen nebeneinander ausfüllen. Das fordert einem mental und emotional oft einiges ab. Wenn wir ständig darüber nachdenken, was wir falsch gemacht haben oder was wir falsch machen könnten, dann steigert das nicht gerade unsere Leistungsfähigkeit. Besser ist es, sich auf das Positive zu fokussieren. Das macht uns außerdem zufriedener und selbstbewusster.

ZEIT ONLINE: Dieser Rat ist nicht neu. Wie schafft man es, seine Sichtweise nachhaltig zu verändern?

Heimsoeth: Unser Gehirn funktioniert ähnlich wie ein Computer. Unsere Gedanken, Worte und Bilder sind dort wie ein Programm hinterlegt, allein unser Verstand entscheidet, was er glaubt und was nicht. Unsere Lebenserfahrungen prägen somit, ob wir mit negativen oder vielleicht sogar irrationalen Gedanken auf Situationen reagieren. Viele negative Gedanken und Sorgen beruhen auf tieferliegenden Glaubenssätzen oder Annahmen über uns, andere Menschen und Situationen – oft sind diese Erfahrungen geprägt aus unserer frühen Kindheit. Fatal ist, dass das Unterbewusstsein die Bewertung als wahr akzeptiert und entsprechende Handlungen veranlasst.

Mithilfe mentaler Techniken ist es möglich, dieses negative Denken zu verändern, und stattdessen eine positive Grundhaltung und eine neue positive Sicht von sich selbst und anderen zuzulassen, die uns im Alltag besser unterstützt.

ZEIT ONLINE: Geben Sie dafür mal ein Beispiel.

Heimsoeth: Viele Menschen hatten in der Schule Lehrer, die in der Klassenarbeit mit rot die Fehler markierten. Da war dann ein Teil rot unterstrichen, meist aber der größere Teil ohne Markierung – wir wurden durch die Markierungen aber auf die Fehler fokussiert, nicht auf den großen Teil, den wir richtig gemacht hatten. Diese frühen Schulerfahrungen haben unsere Sichtweise auf Arbeitsergebnisse in der Leistungsgesellschaft geprägt. Wir sind fokussiert auf Fehler und Defizite und sehen nicht, was gelungen ist und wofür wir dankbar sein könnten.

Das wirkt bei den meisten bis heute ins Berufsleben fort. Mit einfachen Feedbackregeln, die sich auf die positiven Ergebnisse und Lernangebote konzentrieren, schafft man es, langfristig seine Leistungsbewertung zu verändern. Das ist in etwa so, als habe der Lehrer alles grün unterstrichen, was in der Klassenarbeit richtig war. Die Sichtweise ändern, das kann jeder.

ZEIT ONLINE: Gibt es hier einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?

Heimsoeth: Männer machen sich in der Regel weniger Gedanken über ihre Gefühle. Frauen sind ein wenig offener für Selbstreflexion und Kommunikation. Das sind aber nur Tendenzen je nach Geschlecht. Diese Aussagen treffen nicht auf jeden Mann oder jede Frau zu. Und die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind ebenfalls zurückzuführen auf eine Prägung je nach Rollenstereotyp. In der jüngeren Generation findet auch eine Werteverschiebung statt. Die heute bis zu 30-Jährigen etwa stellen sich selbst viel mehr infrage und die vorherrschenden Konzepte von Karriere und Familienleben etwa. Und das völlig unabhängig vom Geschlecht. Man sieht an diesem Beispiel sehr gut, dass Änderungen möglich sind – und dass man dafür nur bei sich selbst anfangen kann.