Acht Fächer interessierten Maike Gosch nach der Schule: Germanistik, Anglistik, Mathe, Informatik, Politik, Psychologie, Geschichte und Kommunikation. Damit stand sie vor einem großen Problem bei der Berufswahl – denn es gab keinen Job, der all dies vereinte. "Eigentlich wollte ich Politikerin oder Schriftstellerin werden. Als Studienfach schien mir Jura das Plausibelste und auch das finanziell Sicherste zu sein", erinnert sich die 42-Jährige. Schnell merkte sie, dass es ein "recht sprödes Fach" ist, das nichts mit dem zu tun hat, was sie sich vorgestellt hatte: "Ich hatte Jura immer als etwas Politisches gesehen, aber das war in den frühen neunziger Jahren noch nicht so." Sie war frustriert, gab aber nicht auf. Stattdessen wählte sie Schwerpunkte, die sie interessierten – Europarecht sowie Medien- und Verlagsrecht. "So hat das Studium wieder Spaß gemacht."

1998 beendete sie ihr Studium und fing 2001 an, als Anwältin für Medien- und Verlagsrecht in Berlin zu arbeiten. Doch der Joballtag als Anwältin enttäuschte sie schnell. "Es ging immer nur darum, wie mein Mandant mehr Geld rausbekommt als der Gegner. Das fand ich unbefriedigend und es passte überhaupt nicht zu meinen Idealen." Nach zwei Jahren beschloss die junge Frau, den Beruf als Juristin wieder aufzugeben und widmete sich der Welt der Literatur und Geschichten. 

Als Hobby hatte sich die Hamburgerin nämlich immer mit diesem Bereich beschäftigt, ein Drehbuchseminar besucht und in Verlagen gearbeitet. Nun fing die Volljuristin als Praktikantin bei einer Filmproduktionsfirma an. "Zuerst war das ein komisches Gefühl. Ich hatte vorher gut verdient und eine eigene Sekretärin gehabt", erzählt sie. Als Praktikantin brachte sie dem Regisseur den Obstkorb. Aus der Anwältin Maike Gosch wurde die Assistentin Maike Gosch. Ein Wechsel, der schwer fiel. "Damals habe ich sehr deutlich gespürt, wie angenehm es ist, einen gesellschaftlich angesehenen Status durch den Beruf zu haben – und wie unangenehm es ist, wenn der plötzlich wegfällt."

Für die Schublade gearbeitet

Trotzdem lohnte sich die Erfahrung. Denn das Praktikum war Goschs Einstieg in die Filmbranche. Sie arbeitete eineinhalb Jahre als Drehbuchautorin beim Tatort in Köln mit und recherchierte für Dokumentarfilme historisch-politische Inhalte, beispielsweise über Krupp. Sie schrieb Telenovelas, weil es relativ einfach war, dafür Aufträge zu bekommen. "Und ich hatte ja keine großen Referenzen vorzuweisen. Einige Jahre lang entwickelte ich eigene Stoffe und machte nebenbei Auftragsjobs, um Geld zu verdienen", sagt sie.

Doch es gab auch viele frustrierende Momente in der schnelllebigen Filmbranche: Gosch schrieb eine Mantel- und-Degen-Serie um 1848, ähnlich wie Fackeln im Sturm, eine Jura-Serie im Stile eines Polit-Thrillers und einen Film über die Mütter des Grundgesetzes. Keiner der Stoffe wurde verfilmt. "Die Themen, die mich interessieren, waren häufig zu politisch für die Filmwelt. Oft habe ich für die Schublade gearbeitet." Erneut war Gosch enttäuscht und ratlos: "Mit Mitte 30 habe mich gefühlt, als ob ich viele Berufe in den Sand gesetzt habe", sagt sie. Dazu kam finanzieller Druck. Um Geld zum Leben zu haben, heuerte sie in der Zeitarbeitsbranche an.

Idealismus trifft Organisation

Über Freunde erfuhr die junge Frau vom Urban Camp und der Social Bar in Hamburg. Da trafen sich alle zwei Monate lokale soziale Initiativen mit Studenten oder Berufsanfängern, die Lust hatten, diese zu unterstützen. "Da wurde ad hoc zusammen gearbeitet und das gefiel mir sehr. Menschen helfen Menschen. Ich habe Leute getroffen, die BWL studiert und bei der UN gearbeitet hatten und nun in Hamburg eine Website für Flüchtlinge aufbauten. Da kamen zwei Welten zusammen: Die sehr pragmatische, pfiffige und gut organisierte und eine total idealistische."

Damit konnte Gosch etwas anfangen. 2009 lernte sie Ole Seidenberg kennen, der die Aktion Uwe durchführte. Ein Langzeitprojekt, mit dem er einem Obdachlosen helfen wollte – als Sozialarbeiter übers Netz sozusagen. Seidenberg gründete die Agentur Wigwam in Berlin, die sich die digitale Kommunikation für die ökologisch-soziale Wende zur Aufgabe machte. "Das war für mich ganz neu, dass jemand Kommunikation für NGOs und Kirchen machte", erinnert sich Gosch. 

Ein Beruf, den es nicht gibt

Seidenberg überredete die damals 36-Jährige, auf der re:publica einen Vortrag zu halten: Was können Campaigner von Drehbuchautoren lernen? "Ich hatte noch nie einen Vortrag gehalten", erzählt Gosch. Aber die Idee gefiel ihr. Sie setzte sich hin und überlegte, was es aus der Dramaturgie und Konstruktion von Geschichten braucht, um Wirklichkeit so zu beschreiben, dass Menschen die Möglichkeit für Veränderungen sehen oder ihre Rolle in einer Geschichte erkennen. "Ich konnte den Vortrag komplett runterschreiben, das war, als ob sich Puzzleteile ganz leicht zusammenfügen."

Nach dem Vortrag kamen sechs Leute auf Gosch zu – allesamt Kommunikationschefs von NGOs. "Da fiel mir erst auf, dass mein Vortrag die beste Werbung war, die ich mir nur hätte vorstellen können. Ich hatte vor 300 potenziellen Kunden gesprochen." Die NGO-Vertreter fragten Gosch, ob sie ihr Wissen in Workshops weitergebe und sie bei der Konzeption von Projekten beraten würde. "Ich habe mir gedacht: Es bringt mir Spaß und die wollen mich dafür bezahlen. Ja, das mache ich. Ab da war Storytelling-Consultant mein Beruf – obwohl es den offiziell noch gar nicht gab." 

Seit fünf Jahren erklärt die Hamburgerin den Teilnehmern ihrer Workshops, wie sie die Realität über das Geschichten-Erzählen verändern können – sowohl emotional atmosphärisch als auch politisch. Gosch hat zudem zwei Lehraufträge inne und entwickelt Kommunikationsstrategien für NGOs. Zurzeit arbeitet sie beispielsweise für die Agentur Wigwam am Wahlkampf für die Grünen in Baden-Württemberg und dem Bündnis Stop TTIP mit. Dabei kommt ihr auch ihr juristisches Fachwissen zugute. "Ich kann wirklich sagen, den Beruf gefunden zu haben, der meinen Werten entspricht. Die Arbeit ist kreativ und idealistisch und ich habe alle acht Fächer in ihm vereint." Am Ende ihrer beruflichen Reise sieht Maike Gosch sich dennoch lange nicht angekommen.