ZEIT ONLINE: Frau Krügl, Unternehmen setzen People Analytics ein, um das Verhalten der Mitarbeiter zu analysieren. Müssen in Zukunft alle befürchten, am Arbeitsplatz überwacht zu werden?

Stefanie Krügl: Nein. Es geht bei People Analytics nicht darum, jemanden zu überwachen. Vielmehr ziehen sozialwissenschaftliche Arbeitsweisen in Unternehmen ein. Wie wissenschaftliche Studien auch messen Unternehmen mit People Analytics das Verhalten der Mitarbeiter. So erhalten sie Informationen über sämtliche Aspekte der Zusammenarbeit. Das Ganze ist vergleichbar mit der Quantified-Self-Bewegung. Nur geht es hier nicht ausschließlich um körperliche Fitness, sondern um die Verbesserung der Zusammenarbeit in Unternehmen und die Optimierung des Potenzials jedes einzelnen Mitarbeiters.

ZEIT ONLINE: Wie geht das?

Krügl: Die Bandbreite ist groß. Schon eine einfache Mitarbeiterbefragung ist ein solches Datenprojekt. Andere Methoden stützen sich auf die Auswertung der Controlling-Daten oder verwenden das Social Intranet. Es gibt aber auch von Sensoren überwachten Hightech-Arbeitsplätze, die alles messen und auswerten – von  den Tastaturanschlägen bis hin zur Pulsfrequenz und der Körperhaltung auf dem Bürostuhl.

ZEIT ONLINE: Das ist keine schöne Vorstellung. Was haben Arbeitgeber davon?

Krügl: Sie bekommen auf diese Weise jede Menge Daten. Und die sind Geld wert. Algorithmen können heute etwa Lebensläufe von Bewerbern auf harte Anforderungskriterien überprüfen. Eine Analyse der Stimmmodulation, der Wortwahl und des Satzbaus eines Bewerbers zum Beispiel verrät viel über seine Persönlichkeitsstruktur, die Komplexität seines Denkens und seinen Bildungsgrad. Solche Informationen unterstützen Führungskräfte bei der Entscheidung über Neueinstellungen. Dazu kommt, dass datenbasierte Entscheidungen weit objektiver sind als menschliche. Ein Algorithmus lässt sich in der Regel nicht unbewusst von Alter, Geschlecht, Aussehen oder Religion beeinflussen, wenn er einen Menschen beurteilt.

ZEIT ONLINE: Wenn Algorithmen darüber bestimmen, wer eine Chance auf einen Job hat, werden die Schwachen untergehen.

Krügl: Nein, People Analytics möchte nicht autoritäre Organisationen schaffen, die jeden einzelnen Schritt der Mitarbeiter überwachen und fehlerhaftes Verhalten sofort sanktionieren.

Das Ziel ist es, sich selbst zu reflektieren, um bessere Entscheidungen treffen zu können. Auf diese Weise werden Unternehmen entstehen, in denen die Mitarbeiter sich kollegial, produktiv und kreativ verhalten.

Heute konkurrieren Unternehmen weltweit um kreative, engagierte Mitarbeiter mit großem Fachwissen, die entsprechend ihrer Stärken und Vorlieben eingesetzt werden. Und People Analytics möchte Unternehmen und Mitarbeiter mit den dafür notwendigen Informationen versorgen.

ZEIT ONLINE: Welchen konkreten Vorteil hat es denn, wenn Unternehmen aufgrund von Datenanalysen Entscheidungen treffen?

Krügl: In nahezu allen europäischen Unternehmen werden heute wichtige Entscheidungen, die oft viele tausend Mitarbeiter betreffen, auf Basis von persönlichen Erfahrungen getroffen. Dabei lassen sich die Manager vielleicht noch von ihrem Bauchgefühl lenken. Aber sie haben verhältnismäßig wenige objektive Informationen, die es ihnen ermöglichen, sich ein gutes Bild von der realen Situation und den Auswirkungen ihrer Entscheidungen machen zu können. Manchmal geht das gut, oft aber auch nicht.

Abgesehen von den wirtschaftlichen Folgen dieser Fehlentscheidungen sind in vielen Fällen die Mitarbeiter die Leidtragenden von schlechten Managemententscheidungen. Da werden neue Arbeitsweisen eingeführt und gleich wieder abgeschafft. Manche Arbeitsbedingungen führen – beispielsweise in vielen Callcentern – fast zwangsläufig zum Burn-out. Und in einigen extremen Fällen werden Mitarbeiter entlassen, obwohl das Unternehmen sie eigentlich dringend braucht, weil niemand jemals gemessen hat, wie viele Mitarbeiter für bestimmte Aufgaben benötigt werden.

Mit Datenanalysen erhalten Führungskräfte ein Instrument, mit dem sie vorhersagen können, wie sich ihre Entscheidungen auswirken werden. Dabei bleibt die Entscheidungshoheit aber immer bei einem Menschen. Die Ergebnisse der Algorithmen helfen Unternehmen lediglich, erfolgreicher zu führen sowie die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter zu optimieren.