Mein kleiner Neffe hat ein neues Lieblingsspielzeug: ein kleines grünes Ufo auf Rädern. Wenn man es durch eine schnelle Bewegung aufzieht, schnurrt es durch den Raum. Jedenfalls, wenn er das tut. Bei mir holpert und ruckelt es und kommt kaum in Fahrt. Ich schaue meinen Neffen fragend an, da sagt er: "Du musst es loslassen. Nicht schieben! Loslassen!"

Loslassen – nicht schieben, keinen Druck machen. Ein Rat, der auch im Berufsleben gilt. Erst kürzlich kam eine Klientin zu mir. Sie war frustriert, sie hatte unbedingt eine Beförderung gewollt. Sie war mehrfach deshalb zu ihrem Chef gegangen, versuchte mit viel Druck die Sache voranzutreiben. Und dann bekam eine andere Kollegin die Stelle. Die Klientin war der Meinung, der Chef habe eine falsche Entscheidung getroffen. Ich glaube, sie hat einfach zu sehr geschoben.

Wer sich zu sehr auf etwas versteift, dem kommt die Gelassenheit abhanden. Das ist nicht gesund und nicht sehr erfolgversprechend. Denn so entstehen Anspannung, Nervosität und Unruhe – alles Emotionen, die hinderlich sind, wenn wir etwas positiv gestalten und verändern wollen. Auch Wünsche muss man manchmal loslassen, damit sie sich erfüllen.

Für viele ist Loslassen mit dem Gegenteil von Erfolg und Zielstrebigkeit verbunden. Als Kinder haben wir in der Schule gelernt, dass Leistung in der Regel an Zwang gekoppelt ist. Dass man die Zähne zusammenbeißen muss, um ein Ziel zu erreichen. Wir lernten, uns dem Diktat äußerer Zwänge und verinnerlichter Normen zu unterwerfen. Und weil uns Handlungsalternativen fehlen, strengen wir uns im Job doppelt an, wenn etwas nicht gut läuft.

Überlegen Sie einmal, von wem der Druck eigentlich ausgeht? Liegt er tatsächlich beim Chef, der noch mehr Leistung, noch mehr Engagement, noch mehr Überstunden fordert? Sind es wirklich die Gäste, die erwarten, dass Sie nach einem langen Arbeitstag mit einem perfekten Dinner aufwarten? Den stärksten Druck, so zeigen Studien, machen wir uns selbst. Sind wir gut genug? Entsprechen wir den eigenen Erwartungen? Können wir vor unserem Selbsturteil bestehen? Lauter kleine innere Antreiber hindern uns daran, gelassen und kraftvoll zu agieren.

Dieses Verhalten führt auf Dauer zu Ermüdung: Burn-out, Depressionen oder andere Erkrankungen können die Folge sein.

Die Coach Simone von Stosch © Simone von Stosch

Loslassen ist das Gegenteil von aufgeben

Loslassen dagegen hat mit Vertrauen zu tun – vor allem in sich selbst. Wir sind es, die die Dinge ändern und gestalten können. Sich von inneren – und äußeren – Zwängen zu befreien, führt zu einer größeren Zufriedenheit und steigert die Leistungsfähigkeit. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Leistung vor allem dann möglich ist, wenn Menschen alles andere loslassen. Dann tritt an die Stelle von äußeren Anforderungen die Konzentration auf die Sache selbst. Ein Flow-Effekt stellt sich ein, also ein Zustand der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit – eine hochgradig verdichtete Produktivität und Kreativität.

Wer unzufrieden ist und etwas verändern möchte, sollte sich klar werden über die eigenen Lebensmotive, die Prioritäten, Werte und Sinn des Handelns. Viele Menschen vermeiden jedoch genau das – aus Angst vor Veränderung. Sie bleiben im Leistungszwang und setzten sich Anforderungen aus, die nicht den eigenen Werten entsprechen. Und stecken dann in einem Teufelskreis. Denn wer sich selbst Zwängen unterwirft, neigt dazu, den Druck an andere weiterzugeben.

Wer aber seine Ziele kennt, braucht nur noch einen langen Atem und Gelassenheit, um diese zu erreichen. Loslassen ist daher das Gegenteil von aufgeben, verzichten oder zurückstecken. Loslassen heißt: Ich kenne meine Ziele. Ich weiß, was ich kann und wohin ich will. Ich stehe zu meinem Wort und trete für meine Überzeugungen ein.

Und das werden bald auch die anderen merken – der Chef, die Kollegen, die Kunden, der Partner. Ein bisschen wie beim Spielzeug-Ufo. Lässt man es los, fährt es von allein.