ZEIT ONLINE: Herr Häseli, Sie sagen, Schauspieltraining fördert die Karriere. Wie kann Schauspiel Führungskräften in ihrem Arbeitsalltag helfen?

Stefan Häseli: Eine Führungskraft muss regelmäßig zwischen verschiedenen Rollen wechseln. Mal muss sie Motivator, Coach oder Ratgeber sein, mal Organisator, Verkäufer, Kopf-Hinhalter oder klassischer Boss.

Ein Schauspieltraining kann Führungskräften dabei helfen, Selbstkontrolle und Präsenz zu entwickeln, damit sie sich in die unterschiedlichen Rollen eindenken können. Schauspieler lernen, in Rollen einzusteigen, sodass diese ein Teil von ihnen wird. Auch Führungskräfte können die Fähigkeit erlernen, ihre Präsenz zu fördern. Es geht also weniger um das Schauspiel an sich, sondern um das Schauspieltraining.

ZEIT ONLINE: Wie genau fördert dieses Training die Entwicklung der Persönlichkeit?

Häseli: Führungskräfte können damit intensiv mit sich selbst in Kontakt treten: Was für Facetten habe ich? Was hat eine Rolle mit mir selbst zu tun? In einem Mitarbeitergespräch zum Beispiel schaut eine gute Führungskraft, wen sie vor sich hat. Sie überlegt, welche Rolle bei diesem Mitarbeiter gefragt ist – und führt das Gespräch entsprechend. Erfordert es der Umstand, dass die Führungskraft innerhalb des Gespräches die Rolle wechseln muss, sollte sie diesen Wechsel nicht nur beherrschen, sondern ihn auch bewusst darstellen können.

Dafür braucht es verschiedene Charaktereigenschaften, die jeder in sich hat, die aber durchaus schlummern können. Das Schauspieltraining kann helfen, diese wieder zu aktivieren.

ZEIT ONLINE: Sind Führungskräfte, die zwischen verschiedenen Rollen wechseln, überhaupt authentisch?

Häseli: Jeder nimmt im Leben verschiedene Rollen ein. Wir gehen anders mit unserem Vorgesetzten um als mit unserem Nachbarn, Partner oder Freund. Das heißt, wir wechseln in unseren Lebensrollen, bleiben aber dennoch authentisch.

Auch als Führungskraft können wir schauen, welche Rolle wir gerade benötigen. Die darf dann aber nicht zur Fassade verkommen. Verantwortungsvolle Führungskräfte verfügen bei der Ausübung ihrer verschiedenen Rollen über kommunikatives Fingerspitzengefühl und Klarheit.

ZEIT ONLINE: Was hat sich im Gegensatz zu früher hinsichtlich der Chef-Rollen verändert, dass Führungskräfte heute ein Schauspieltraining benötigen?

Häseli: Die Führungsrolle ist anspruchsvoller und differenzierter geworden. Während es früher um den passenden Führungsstil ging, geht es heute stärker um die Führungssituation. Früher thronte der Chef über allen und allem. Was er sagte, war Gesetz. Heute müssen Führungskräfte viel stärker in verschiedenen Spannungsfeldern agieren. Sie müssen die Mitarbeiterbedürfnisse ernst nehmen, für die Strategieumsetzung sorgen, den harten Sparkurs umsetzen und gleichzeitig die Mitarbeiter motivieren.

Aber auch wenn es heute wesentlich kollegialer und näher zugeht, existieren dennoch eine gesunde Distanz und eine natürliche Autorität. Um diese Anforderungen alle gleichzeitig erfüllen zu können, braucht es eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Chef-Rollen. Weil gute Schauspieler aber nicht spielen, sondern die Rolle leben, darf es in der Führung nicht darum gehen, nur etwas vorzuspielen.