Seit drei Jahren führt Google das Ranking der beliebtesten Arbeitgeber der Welt an – und der US-Internetkonzern arbeitet hart für diesen Spitzenplatz: Er serviert seinen Mitarbeiter Gratisessen von Burger bis Sushi, unterhält allein in der Zentrale im Silicon Valley 30 verschiedene Kantinen (auch welche für Vegetarier und Veganer). In den Büros gibt es Schaukeln und Roller zur Entspannung sowie kostenlose Massagen – und somit kaum noch einen Grund, nach Hause zu wollen.

Das hat Schule gemacht: Auch beim Hamburger Spieleentwickler Goodgame sind die Büros mit Kickerplatten und überlebensgroßen Comicfiguren ausgestattet. Und im Sommer (ja, den gibt es manchmal auch in Hamburg) – lockt das firmeneigene Freischwimmbad.

Beim Reiseschnäppchenportal Uniq gehört das Freizeitfeeling ebenfalls zur Firmen-DNA. In Holzwickede (am Rande des Ruhrgebiets) wird regelmäßig Oktoberfest gefeiert. Außerdem gibt es eine Basketballmaschine – und Basti. Basti heißt mit richtigem Namen Bastian Risse. Er hat (unter anderem auf Bali) BWL studiert und als Surf-Lehrer gearbeitet. Seit einem Jahr ist er Feel-Good-Manager bei Uniq. "Ich bin für die gute Laune zuständig", erklärt er seine Aufgabe.

Wohlfühlen ist das große Thema. Laut Handelsblatt gibt es in Deutschland schon bis zu 100 Feel-Good-Manager. Die Wirtschaft boomt, der Wettbewerb um Talente tobt. Und weil die Generation der jungen Berufstätigen nicht nur auf die Work-Life-Balance achtet, sondern vor allem zahlenmäßig kleiner ausfällt als frühere Arbeitnehmerkohorten, müssen Arbeitgeber sich plötzlich ganz schön anstrengen.

Wird jetzt Wirklichkeit, wovon – von Karl Marx bis Norbert Blüm – alle nur träumen konnten? Haben die Chefs das Geschäft der Gewerkschaften übernommen, sind Betriebsräte überflüssig? Nicht ganz, findet der britische Soziologe William Davies. Seiner Meinung nach hat die schöne neue Arbeitswelt einen Haken: "Die Unternehmen bemühen sich um ein positives Umfeld für ihre Leute ­– aber nur, damit die umso härter arbeiten." Er kritisiert: "Wir hinterfragen das nicht wirklich."

Damit sich das ändert, hat er ein Buch geschrieben: The Happiness Industry. Darin zeichnet er das Bild einer Gesellschaft, in der Protest nicht mehr von Parteien, sondern über soziale Netzwerke organisiert wird. In der immer alle online sind und damit auch Tag und Nacht für den Boss erreichbar. In der sich alle im Büro duzen und miteinander kickern und so die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben mehr und mehr verwischen.

Arbeitnehmer wollen Aufmerksamkeit für ihre Arbeit

Um herauszufinden, was das für die Zukunft der Arbeit bedeutet, macht der Autor die große Rolle rückwärts in die Vergangenheit, in die Zeit, als die Interessengegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch klar waren. Chicago, 1927: In einer Telefonfabrik namens Hawthorne will man den Akkord steigern und holt Experten der Harvard-Universität zur Hilfe. Konkret geht es um die Frage: Sind Lampen in der Werkshalle Luxus, oder helfen sie, den Output zu erhöhen. Die Forscher stellen fest: Mit Beleuchtung kriegen die Arbeiterinnen mehr Apparate montiert. Allerdings steigt die Stückzahl auch bei der Kontrollgruppe in der finsteren Halle. 

Ihre Beobachtungen gingen als Hawthorne-Effekt in die Wissenschaft ein: Beobachtung beeinflusst die Beobachteten. Und: Arbeiter wollen neben Lohn (und Licht) offenbar auch Aufmerksamkeit für ihre Arbeit. Inzwischen wurde oft Kritik an den Methoden der Studie geübt. Dennoch, so beobachtet Davies, wird sie öfter denn je zitiert, seit der typische westliche Arbeitnehmer nicht mehr Telefone montiert, sondern Apps programmiert und Marketingkampagnen für neue Smartphones oder Seifen entwirft.

Furcht vor dem Low Performer

Früher am Fließband konnte man sehen, wer Fehler machte. Und wer den Betrieb aufhielt, der wurde gefeuert. In der Dienstleistungsgesellschaft kommt es erst recht auf Motivation an. Aber sie lässt sich nicht mehr in Stunden und Stückzahlen messen. Deshalb fürchten die Arbeitgeber nichts mehr als Mitarbeiter, die es heimlich etwas ruhiger angehen lassen – und umschmeicheln sie, um das zu verhindern.

"Für die Arbeitnehmer ist das erst mal nett, wenn der Chef signalisiert, wie wichtig sie ihm sind", sagt die Hamburger Psychotherapeutin und Burnout-Expertin Helen Heinemann. Gleichzeitig warnt sie vor der Überlastung, die unweigerlich droht, wenn Mitarbeiter Tag und Nacht im Büro verbringen, selbst wenn dort zwischendurch Tischfußball gespielt wird. "Spiel und Sport gehören in die Freizeit," so Heinemann. Und: "Freizeit muss sein".