Nicht nur Flüchtlinge, auch Arbeitssuchende aus den europäischen Nachbarländern, junge Spanier oder angeworbene ITler aus Indien: Die Zuwanderung verändert den deutschen Arbeitsmarkt. Wie gelingt die Integration? Die einen empfehlen Sprachkurse, andere pochen auf eine verbindliche Leitkultur. Verordnungen befriedigen zwar das Bedürfnis nach Sicherheit, doch Integration ist keine Einbahnstraße, auch für die hier Lebenden verändern sich Arbeitsleben und Gesellschaft – beides wird internationaler werden.

Viele Konzerne beschäftigen Spezialisten für Diversity, die sich um Vielfalt in der Belegschaft kümmern sollen. Kleineren Unternehmen fehlen solche hausinternen Integrationsförderer. Sollten sie selbst einen Verhaltenskodex für neue Mitarbeiter entwickeln? Gurdatar Singh Bal arbeitet als interkultureller Trainer für das Passauer Unternehmen ICUnet.AG, in Deutschland lebt der in Indien geborene Bal seit rund 20 Jahren. Wie wichtig kulturelle Werte sind und wie leicht Missverständnisse zwischen Kollegen entstehen, weiß Bal aus vielen Seminaren. Vielen Menschen aus Asien sei die oft strikte Trennung von Beruflichem und Privatem im Arbeitsleben fremd. "Wenn die Kinder krank sind und der Chef fragt nicht nach, dann sind diese Mitarbeiter enttäuscht. Ein Grundverständnis für fremde Kulturen sollte vorhanden sein", sagt Bal.

Oft verhindert die eigene, kulturell geprägte Perspektive, den anderen zu verstehen. Eine Liste mit Werten bringe wenig: "Oft fehlt der Transfer in die Realität. Wenn unklar ist, welche Konsequenzen Regeln haben, nutzen sie wenig."

Auch der Psychologe Stefan Diestel sieht Verhaltensregeln in Unternehmen kritisch. "Leitlinien ähneln schnell ideologischen Floskeln", sagt er und fügt hinzu: "Broschüren richten oft mehr Schaden an als sie nutzen." Der Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management leitet Forschungsprojekte am Kienbaum Institut@ISM in Dortmund. "Wertschätzung, Respekt und moralische Integrität sind Prinzipien, die unabhängig von der Herkunft helfen, effektiv und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten", sagt Diestel. 

Dazu gehöre es auch, offen und authentisch zu kommunizieren. Diesel sieht vor allen Führungskräfte in der Pflicht: "Die ethische Integrität der Führung entscheidet darüber, wie Menschen mit Stress umgehen. Führungskräfte haben oft eine Vorbildwirkung, die dabei hilft, ein gutes und produktives Arbeitsklima herzustellen."

Einwanderer als Chance

Das klingt plausibel, doch wie sieht es mit der Willkommenskultur in deutschen Firmen aus? Manche pflegen Vorbehalte gegenüber Einwanderern. Diestel empfiehlt ihnen, die Zusammenarbeit in kulturell gemischten Teams zu erproben, statt Verhaltensregeln festzulegen. "Wenn beide Seiten offen sind und von der gemeinsamen Arbeit profitieren, entwickelt sich eine positive sowie vorurteilsfreie Einstellung", sagt er.

Gerade für mittelständische Unternehmen sieht der Psychologe Einwanderer als Chance, denn das Know-how und der kulturelle Hintergrund der neuen Mitarbeiter hilft den Firmen, die Globalisierung besser zu verstehen und für ihre Wertschöpfung zu nutzen. Führungskräfte-Trainings sowie Team- und Personalentwicklungsinitiativen können helfen, das Arbeitsklima zu verbessern.

Genau das versucht das Mitte 2014 ins Leben gerufene Projekt FAM (Flüchtlinge – Asylbewerber – Migranten) des Wirtschaftsforum Passau, unterstützt vom bayerischen Sozialministerium. Projektleiter Jakob Schreiner unterstützt jüngere Flüchtlingen, einen Ausbildung- oder festen Arbeitsplatz zu finden. Praktika helfen dabei. Besonders in Handwerksbetrieben, in der Pflege oder Gastronomie suchten die Firmen im Landkreis Passau verzweifelt Mitarbeiter und freuten sich über die Neuen.

Flüchtlingskrise - SPD lehnt Ausnahmen beim Mindestlohn für Flüchtlinge ab In der SPD stoßen Überlegungen des Koalitionspartners CDU auf strikte Ablehnung, Flüchtlinge für die ersten sechs Monate einer Beschäftigung vom gesetzlichen Mindestlohn auszunehmen.