Mein Chef will mir meine Gratifikation aufgrund meiner Fehlzeiten kürzen. Darf er das einfach tun?, fragt Thore Fischer.

Sehr geehrter Herr Fischer,

bei der Frage, ob eine Sondervergütung oder auch Gratifikation gekürzt werden kann, kommt es in erster Linie darauf an, ob nach der gegebenen Zusage eine ausdrückliche Kürzungsvereinbarung besteht oder nicht.

Fehlt eine solche Kürzungsvereinbarung, darf der Arbeitgeber bei Fehlzeiten nur dann kürzen, wenn die Sondervergütung einen reinen Entgeltcharakter hat. Dann handelt es sich bei der Gratifikation de facto um ein Arbeitsentgelt. Das heißt, die Zahlung ist Bestandteil Ihres Gehalts – und wird lediglich zeitlich verzögert ausgezahlt, etwa zum Jahresende rückwirkend für die Arbeitsleistung. Da aber bei Fehlzeiten keine Arbeitsleistung erbracht wurde, entsteht auch kein Zahlungsanspruch auf die Sondervergütung. Es gilt der Grundsatz, "ohne Arbeit kein Lohn".

Allerdings kommt es auf die Ursache der Fehlzeit an – und ihre Dauer. Waren Sie beispielsweise nur wenige Tage im Jahr krank, darf Ihr Chef Ihnen die Zahlung nicht kürzen. Denn auch für eine Sondergratifikation gilt vom Grundsatz her der Anspruch auf sechs Wochen Lohnfortzahlung. Anders sieht es dagegen aus, wenn Sie beispielsweise in Elternzeit waren oder einen Sonderurlaub ohne Bezüge genommen haben. Und auch, wenn Sie länger als sechs Wochen arbeitsunfähig waren, ist die Kürzung erlaubt. Sie muss noch nicht einmal ausdrücklich vereinbart worden sein.

Anders sieht die Situation aus, wenn eine Sonderzahlung die Betriebstreue entlohnt. In einem solchen Fall kommt es nicht auf die Arbeitsleistung an, sondern, wie der Begriff es schon ausdrückt, auf die Betriebstreue selbst. In diesem Fall können Arbeitgeber die Sondervergütung nicht so einfach aufgrund von Fehlzeiten kürzen, da die Sonderzahlung eben nicht an einen bestimmten Umfang der Arbeitsleistung in dem Jahr der Auszahlung gebunden ist.

Das heißt, Arbeitgeber müssen diese Sonderzahlung in voller bzw. vereinbarter Höhe auszahlen. Sonderzahlungen, die eine Betriebstreue entlohnen können von Arbeitgebern nur dann reduziert werden, wenn eine Kürzung ausdrücklich und umfassend wirksam vereinbart wurde.

Ihr Ulf Weigelt