In vielen Unternehmen dominiert immer noch die Präsenzkultur. Nur wer von morgens bis spätabends anwesend und für den Chef verfügbar ist, gilt als fleißiger und wertvoller Mitarbeiter. Ganz egal, ob er in dieser Zeit auch seine privaten Bankgeschäfte und Onlineeinkäufe erledigt – denn das bleibt oft unentdeckt. Wer "nur" Teilzeit arbeitet und wegen familiärer Verpflichtungen pünktlich den Arbeitsplatz verlassen muss, gilt als weniger leistungsstark.

Allerdings findet ein Umdenken an. Das Technologieunternehmen Bosch etwa hat 2011 ein Projekt gestartet, bei dem die Führungskräfte für mindestens drei Monate ihre Arbeitszeit reduzieren und flexibler und mobiler arbeiten sollen. Denn wenn der Chef selbst einen Tag in der Woche von zu Hause aus arbeitet oder sein Wochenpensum reduziert, hat das Vorbildfunktion für die Belegschaft und auch die Angestellten trauen sich danach zu fragen, so das Kalkül.

Heidi Müller-Jochum entschied sich im Oktober 2013 für das Angebot und reduzierte ihren Vollzeitjob auf 80 Prozent. "Ich wollte mehr Zeit für die Familie und für mich", begründet sie ihren Schritt. Die Betriebswirtin absolvierte bereits vor ihrem Studium eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei Bosch und bewarb sich anschießend wieder dort. "Seit rund 20 Jahren habe ich alle drei bis vier Jahre neue Aufgaben innerhalb des Personalwesens übernommen", erzählt die heute 46-Jährige. Nach der Elternzeit stieg sie zunächst mit einem Teilzeitjob ein, seit 2010 arbeitet sie wieder Vollzeit als Abteilungsleiterin. Auch Job-Sharing hat sie schon ausprobiert, indem sie sich eine Aufgabe mit einer Kollegin teilte.

Das Projekt sah Müller-Jochum deshalb als Chance, neben einem freien Tag in der Woche eine zehnmonatige Weiterbildung zum Business-Coach anzugehen – auch eine gewisse Form der Selbstverwirklichung. "Ich war freitags immer daheim. Das hat mir und der Familie gut getan", erinnert sich die zweifache Mutter. "Außerdem wollte ich 20 Jahre nach meinem Studienabschluss wieder etwas dazu lernen." Ihr Aufgabengebiet behielt die Personalerin bei, allerdings mussten die Aufgaben neu strukturiert werden. "Gemeinsam mit meinem Chef habe ich überlegt, wie sich mein Arbeitsgebiet in die eigentliche Führungsaufgabe und allgemeinere Administrationsaufgaben unterteilen lässt." Dafür wurde eine zusätzliche Stelle für eine Assistentin geschaffen, damit Müller-Jochum Aufgaben delegieren konnte. "Das hat gut funktioniert", sagt sie.

Weniger Arbeiten bleibt Wunschdenken

Mehr Zeit für Familie oder Hobbys wünschen sich zwar viele, doch der Vollzeitjob dominiert weiterhin die Arbeitswelt. Und bei den meisten Beschäftigten gehören regelmäßig Überstunden dazu. "Viele Beschäftigte würden gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben. De facto sind es aber gerade Besserverdienende und Höherqualifizierte, die überlange Arbeitszeiten bewältigen", sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Berlin. Bezahlt wird dabei nur ein Teil der Mehrarbeit. Und das ist ein Problem: Die allermeisten Arbeitnehmer hierzulande sind auf das Einkommen aus der Vollzeitstelle angewiesen. Schon eine leichte Arbeitszeitreduzierung ist bei vielen Familien finanziell kaum tragbar.

Vor allem jüngere Arbeitnehmer fordern viel selbstbewusster kürzere Wochenarbeitszeiten und mehr Freiraum, sagt Karl-Heinz Brandl, Bereichsleiter Innovation und Gute Arbeit bei ver.di in Berlin. Mittlerweile reagierten einige Unternehmen darauf und erproben in Pilotprojekten beispielsweise Arbeitszeitkonten, die den Mitarbeitern mehr Flexibilität für unterschiedliche Lebensphasen lassen. "Die Telekom ist eines der Unternehmen, das den Beschäftigten flexiblere Arbeitszeitmodelle anbietet", sagt Brandl.

Solche Modelle setzen aber einen sicheren und langfristigen Arbeitsplatz voraus. Was nützt ein  Arbeitszeitkonto mit angesammelten Überstunden, wenn der Job nach zwölf Monaten ausläuft? Jüngst hat eine DGB-Studie gezeigt, dass es gerade die Berufsanfänger sind, die von prekärer und befristeter Beschäftigung betroffen sind. Je jünger, desto unsicherer der Job. Auch wegen dieser Unsicherheit sind viele junge Arbeitnehmer nicht mehr dazu bereit, sich vollends einem Arbeitgeber zu verpflichten. Gewerkschafter Brandl beobachtet, dass sich vor allem Jüngere vom Ideal des Vollzeitjobs verabschieden – selbst dann, wenn das ihre Chefs überhaupt nicht gerne sehen. Viele wünschen sich vor allem eine sinnvolle Tätigkeit. Und wenn sie diese nicht als Hauptjob finden, gehen sie dieser eben im Nebenerwerb nach.

Allerdings bleibt Mehrfachbeschäftigung hierzulande eine Randerscheinung. In einer Studie aus dem Jahr 2009 untersuchte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin dieses Phänomen. Gegenüber skandinavischen Ländern wie Dänemark, Norwegen oder Schweden erfasste der Mikrozensus 2008 nur rund 1,4 Millionen Personen, die einer zweiten Erwerbstätigkeit nachgehen. Und, anders als vermutet, finden sich darunter nur wenige gering qualifizierte Arbeitnehmer.

Mehr als 60 Prozent der Nebenjobs erfordern eine hohe berufliche Qualifikation. Viele Selbständige wie Landwirte, Handelsvertreter, Künstler oder Publizisten gehen einer zweiten Erwerbstätigkeit nach, so die DIW-Wissenschaftler. Viele von ihnen finden in der Nebenbeschäftigung erst die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Aber vielen anderen bleibt dafür keine Zeit.

Bosch-Führungskraft  Müller-Jochum hätte nach einem Jahr wieder auf eine Vollzeitstelle wechseln können, doch sie stockte nur auf 90 Prozent auf. "Jetzt habe ich einen freien Nachmittag pro Woche, das ist mir wichtig. Außerdem arbeite ich meistens eineinhalb Tage die Woche im Homeoffice", sagt die Personalerin. Flexible Arbeitszeiten machten bei Bosch Schule. Mehr als tausend Führungskräfte beteiligten sich weltweit am Programm.