ZEIT ONLINE: Herr Derr, Sie gestalten mit Ihrem Unternehmen Arbeitsräume, in denen Mitarbeiter "bestmögliche Bedingungen haben sollen, um bestmögliche Leistung erbringen zu können". Ihr Unternehmen muss ja die glücklichsten und leistungsstärksten Mitarbeiter des Landes haben.

Stephan Derr: Die haben wir auch. Das zeigen unsere Unternehmenszahlen und Mitarbeiterbefragungen. Es wäre auch absurd, wenn wir als Spezialist für Arbeitsraumgestaltung unser Wissen nicht für unsere Mitarbeiter einsetzen würden.

ZEIT ONLINE: Wie konkret sehen die Arbeitsplätze bei Steelcase aus?

Derr: Wir haben nicht den einen, sondern viele Arbeitsplätze – feste und variable. Ein Beispiel: Am Standort in Rosenheim arbeiten gut 60 Prozent unserer Mitarbeiter an zugeordneten Arbeitsplätzen. Dazu gehören etwa die Beschäftigten in der Finanzabteilung. Sie arbeiten viel mit Papier, brauchen ausreichend Stauraum für ihre Unterlagen und Akten. Andere Mitarbeiter – die restlichen 40 Prozent – sind variabel tätig. Das heißt, sie suchen sich täglich einen freien Platz aus, je nachdem, welcher ihre aktuelle Tätigkeit unterstützt. Alle Arbeitsplätze haben Technologien integriert, die konzentriertes Arbeiten unterstützten und dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter nicht von Lärm, Unterbrechungen, Licht oder Temperaturen abgelenkt werden.

Dem Thema "Wahl und Kontrolle" kommt also eine enorme Bedeutung zu.

ZEIT ONLINE: Funktioniert diese Wahl- und Kontrollfreiheit zwischen den Mitarbeitern?

Derr: Wir haben Verhaltensregeln, die an der Wand stehen. Ich rate allerdings Führungskräften, nicht allzu viel vorzugeben, denn dann funktioniert es nicht. Rahmenbedingungen reichen hier vollkommen aus.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das?

Derr: Es gibt beispielsweise die "Brody Work Lounge": Hier sitzt der Mitarbeiter geschützt von drei Wänden an einem integrierten, aber schwenkbaren Tisch. Ein rotes Licht zeigt für andere an, dass der Platz besetzt ist. Gestört werden Mitarbeiter hier nicht, denn jeder weiß, dass diese Plätze zum konzentrierten Arbeiten genutzt werden. Wer Musik hören möchte, kann das über Lautsprecher in den Kopfstützen tun. Wer es warm mag, kann den Lendenbereich per Knopfdruck erwärmen.

Darüber hinaus teste wir weitere Konzepte: Etwa einen Screen an Arbeitsplätzen, der anzeigt, ob der Platz frei ist, informiert auch über Uhrzeit, Datum und Temperatur und er trennt einzelne Arbeitsbereiche voneinander ab. Man hat außerdem die Möglichkeit, mit einer Bitte-nicht-stören-Taste deutlich zu machen, dass man wirklich nicht gestört werden möchte. Zudem erinnert der Screen an das nächste Meeting sowie daran, sich regelmäßig zu bewegen. Und unsere Schreibtischstühle kontrollieren durch integrierte Sensoren nicht nur die Sitzhaltung, sondern auch den Stresslevel.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach Überwachung. Was passiert mit den Daten?

Derr: Anhand der Sensoren möchten wir besser verstehen, wie ein Raum Kommunikation, Zusammenarbeit, Technologie und Arbeitsprozesse unterstützt und wie Mitarbeiter interagieren. Weil uns die Achtung und Respekt und Privatsphäre von größter Bedeutung sind, werden alle Daten auf den Sensoren anonym erfasst. Die Interaktionen von Einzelpersonen werden zu teamübergreifenden Daten verknüpft und lediglich zusammengefasst analysiert. Zukünftig helfen solche Sensoren den Mitarbeitern dabei, bestmöglich zu arbeiten, da wir das Design und die Applikationen ideal auf ihre Bedürfnisse anpassen können.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr persönlicher Arbeitsplatz aus?

Derr: Auch ich als Geschäftsführer suche mir jeden Morgen einen Platz, denn der Geschäftsleitung stehen in Rosenheim lediglich zwei kleine Räume zur Verfügung. Und die werden von zwei deutschen sowie zehn bis fünfzehn europäischen Führungskräften genutzt, die alle immer mal wieder von Rosenheim aus arbeiten. Unsere Geschäftsführerbüros unterscheiden sich bei der Einrichtung nicht von den anderen Büros. Große repräsentative Schreibtische sucht man bei uns vergebens. Mehr als Tisch, Stuhl und Telefon gibt es nicht. Und sind die zwei Büros für die Führungskräfte besetzt, suche ich mir einen Arbeitsplatz wie alle anderen auch.