Manchmal macht Heinrich Georg Ely Menschen zu Millionären. 2,3 Millionen Euro ist die höchste Summe, die er bislang zu überantworten hatte. Ely ist Erbenermittler. Wenn es weder ein Testament gibt noch auf den ersten Blick Verwandte auszumachen sind, wird er mit der Suche nach den Erben beauftragt. Meist braucht er mehrere Monate, um Nachkommen zu finden, manchmal sogar Jahre.

"Das Gut fließt wie das Blut" – nach diesem Grundsatz aus dem Erbrecht geht das Vermögen eines Verstorbenen zunächst an Kinder, Enkel und Urenkel. Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen folgen auf der zweiten Ebene. Leben keine leiblichen Nachkommen mehr, fällt die Erbschaft an den Staat. Tauchen dann doch noch Erben auf, können sie den Nachlass zurückfordern. Erst nach 30 Jahren erlischt die Frist.

Nachlassgerichte prüfen die Erbfolge sehr genau. Erst, wenn alle Erben ermittelt sind, geben sie den Nachlass frei. Im Fall einer verstorbenen Dame aus der Pfalz wurde das Vermögen in Höhe von einer Million Euro erst einmal nicht ausgezahlt: Ein Nachlasspfleger hatte zwar 13 Erbberechtigte in Deutschland gefunden, er hatte aber auch erfahren, dass im 19. Jahrhundert nahe Verwandte der Verstorbenen in die USA ausgewandert waren. Und dort war er mit der Recherche nicht weitergekommen. Einer der 13 Erben beauftragte deshalb Ely mit der Suche.

Bezahlung von den Erben – wenn es sie gibt

Der 36-Jährige interessiert sich schon lange für Ahnenforschung. Er hat Geschichte und Jura studiert, kann Altdeutsch lesen – ideale Voraussetzungen für den Job als Erbenermittler, fand er und machte sich gleich nach seinem Studienabschluss selbständig. Allerdings: "Die Anlaufzeit war wirtschaftlich schwierig", sagt er. Komplizierte Fälle zu lösen kann Jahre dauern. Und ein Honorar wird nur im Erfolgsfall bezahlt.

Der Erbenermittler Heinrich Georg Ely © privat

Gerichtlich bestellte Nachlasspfleger haben es da besser: Sie werden bei der Suche nach Erben auf Stundenbasis vom Gericht bezahlt – unabhängig vom Erfolg. Im Laufe der Zeit hat Ely diesen Geschäftszweig ausgebaut. Inzwischen arbeitet er regelmäßig als Nachlasspfleger für mehrere Gerichte. Die dafür nötigen Kurse hat er besucht. In den Anfangsjahren seiner Selbständigkeit war er freier Mitarbeiter für ein Unternehmen, das sich auf Erbenermittlung spezialisiert hat und Korrespondenten in aller Welt beschäftigt. Im Fall der alten Pfälzerin arbeitete sich Ely zusammen mit Kollegen aus den USA im Stammbaum der Dame Jahrzehnt für Jahrzehnt zurück. Vor einem Jahr hat er seine eigene Erbenvermittlungsfirma gegründet und ist mit der Auftragslage sehr zufrieden.

"Ich muss vor allem kombinieren können", sagt er. Zeitgeschehen in Verbindung mit Regionen und Menschen bringen – das sei sein Erfolgsrezept. Etwa 300 bis 400 Erbenermittler gebe es in Deutschland, schätzt Ely, "und der Bedarf wird steigen". Schließlich würden die Menschen immer älter und mobiler und die Familienverhältnisse immer komplexer: Scheidungen, uneheliche Kinder, wer blickt da noch durch?

Von 500.000 Euro bleiben nur 100 Euro übrig

Tatsächlich gibt es schon heute kaum noch Alleinerben, die Millionen einstreichen. Erbengemeinschaften mit 30, 40, 80 Leuten sind keine Seltenheit. Im Extremfall blieben von 500.000 Euro nur noch 100 Euro für jeden übrig.

Für die Arbeit der Erbenermittler gibt es im Prinzip keine Vorschriften. Das Bürgerliche Gesetzbuch bestimmt lediglich, dass der Nachlasspfleger suchen muss, aber weder wie lange noch wie. Ermittler wie Ely stöbern in Briefen und Fotoalben, durchsuchen Melderegister und Datenbanken, Adress- und Kirchenbücher und nutzen Facebook, Twitter oder genealogische Internetseiten.

Haben sie Erben gefunden, schließen sie mit ihnen einen Vertrag über ihr Suchhonorar: Erst, wenn dieser unterzeichnet ist, geben sie Details zur Erbschaft preis. Betrüger nutzen das aus. Sie verschicken etwa Serienbriefe mit dem Hinweis, gegen 50 Euro Vorschuss Informationen zu liefern. "Seriöse Erbenermittler verlangen nie Vorkasse", sagt Ely. Das Honorar muss erst gezahlt werden, wenn das Erbe ausgezahlt wird.

Der Fall mit der alten Pfälzerin steht kurz vor dem Abschluss. Ely konnte in den USA keine weiteren Erben finden. Er rechnet damit, dass das Nachlassgericht die Million demnächst freigeben wird. Jeder der 13 Erben könnte nach Abzug von Steuern und Gerichtskosten rund 50.000 Euro erhalten. Auch für Ely würde sich das lohnen: 25 bis 30 Prozent der Nettoerbschaft sind als Honorar in der Branche üblich. Die alte Dame könnte sich also als lukrativer Auftrag für ihn erweisen. Doch die sind so selten wie reiche Tanten.