ZEIT ONLINE: Ab 2016 sollen mindestens 30 Prozent der Aufsichtsratsposten in börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt werden. Sie haben bereits 2014 das Weiterbildungsprogramm "Strategische Kompetenz für Frauen in Aufsichtsräten" gestartet. Was  lehrt dieses Programm?

Karin Reichel: Frauen sind fachlich kompetent, erreichen in diversen Fächern bessere Uniabschlüsse als Männer und schaffen es dennoch meist nicht in Vorstände oder Aufsichtsräte. Ein Grund dafür könnte sein, dass ihre strategischen Kompetenzen weniger ausgeprägt sind. Und die möchten wir ihnen mit dem Weiterbildungsprogramm vermitteln. Außerdem widmet sich das Programm aber auch den notwendigen betriebswirtschaftlichen und juristischen Grundkenntnissen, die Frauen benötigen, um sich auch fachlich in den Nominierungs- und Entscheidungsprozessen der Kontrollgremien gleichberechtigt durchsetzen zu können.

ZEIT ONLINE: Was war die Motivation für diese Weiterbildung?

Reichel: Trotz freiwilliger Selbstverpflichtung und zahlreicher Maßnahmen zur Frauenförderung lag damals der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen bei knapp 14 Prozent. Das ist viel zu wenig! Ein Argument, was hier oft gebraucht wird, ist das Fehlen qualifizierter Frauen. Das möchten wir mit unserem Programm weiter entkräften.

Zudem sind die Nominierungsprozesse sehr intransparent, die Stellen werden ja nicht klassisch ausgeschrieben. Mit dem Programm möchten wir Frauen auch dabei unterstützen, erfolgreich sichtbarer zu werden.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Reichel: Unser Programm besteht aus sechs Modulen, verteilt auf ein Jahr. Wir vermitteln Theorie und Praxis – aber die Teilnehmerinnen werden auch dabei unterstützt, eine individuelle Strategie zu entwickeln, wie sie ihre persönlichen Ziele besser erreichen können. Und Kamingespräche mit Aufsichts- und Beiräten aus unterschiedlichen Organisationen ermöglichen einen Einblick in den Arbeitsalltag dieser Kontrollgremien.

ZEIT ONLINE: Bilden Sie mit Ihrem Programm Einzelkämpferinnen aus?

Reichel: Erste Evaluationsergebnisse zeigen schon, dass es zum einen Teilnehmerinnen gibt, die das Spiel mitspielen möchten. Zum anderen nehmen aber vor allem Frauen daran teil, die etwas verändern möchten und z.B. dafür plädieren, dass sich Unternehmen mehr um das Thema Nachhaltigkeit kümmern müssten – wofür sie auch in einem Kontrollgremium eintreten würden.

Wir vermitteln unseren Teilnehmerinnen aber auch immer, dass Frauen sich gegenseitig stärken sollten. Frauen müssen aktiv Empfehlungsmanagement für andere Frauen betreiben, wenn sich etwas spürbar am Frauenanteil in Führungspositionen verändern soll. 

ZEIT ONLINE: Verändert sich etwas durch die Frauenquote?

Reichel: Sie ist eine Krücke, um eine kritische Masse von Frauen in Führungspositionen zu erreichen. Erst dann wird eine Trendwende eingeleitet.

ZEIT ONLINE: Warum fehlt es bei Diskussionen zu Themen wie die Frauenquote so oft an Sachlichkeit?

Reichel: Aufsichtsräte sind zwar nicht im operativen Geschäft tätig, dennoch verfügen sie über Macht. Zum Beispiel wenn es darum geht, Vorstände zu besetzen. Fehlen Frauen an dieser Stelle, fehlen Sie am Ende auch in den Vorständen. Deshalb braucht es hier die Frauen.

Weil diese Positionen aber nicht nur Gestaltungs- und Definitionsmacht beinhalten, sondern auch eine zum Teil ganz gute Verdienstmöglichkeit, fällt das Loslassen bzw. Teilen vielen Männern schwer. Ein weiterer Grund ist die Sicherheit und Orientierung, die traditionelle Rollenverständnisse bieten. Brechen die auf, führt das häufig zu Ängsten und Unsicherheit.