Hasskommentare und Lügenpresse-Vorwürfe: Selten war die Kritik an den Medien so laut, selten erreichte sie Journalisten so ungefiltert – aber selten wurde sie auch in solcher Vehemenz aus einer anonymen Masse heraus vorgetragen. Auch der Journalismus unterliegt dem digitalen Wandel. Und spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn die Art und Weise, wie sich Gesellschaften strukturieren, bedingt auch den Fluss von Informationen und die Rolle der Informationsproduzenten, die dieses System bedienen.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte waren die Gesellschaften immer mal mehr oder weniger hierarchisch oder horizontal strukturiert. Die großen Innovationen und Umwälzungen in Europa, wie die Aufklärung, der Siegeszug der Wissenschaften und natürlich die Industrielle Revolution wurden zwar durch dezentrale, lose miteinander vernetzte Akteure ausgelöst. Schon bald danach begann allerdings die Nutzung und Umsetzung dieser Errungenschaften vor allem durch die staatlichen Hierarchien. Auch die Organisation wirtschaftlicher Tätigkeiten, die vor der Industriellen Revolution noch weitestgehend dezentral und flach organisiert war, wurde nun zunehmend arbeitsteiliger und hierarchischer organisiert. Diese Vereinnahmung der Technologie durch die Hierarchie – von dem Schriftsteller Karl Kraus auch sehr treffend als Kombination von Thron und Telefon bezeichnet – wurde zunächst auch durch die rasanten Fortschritte in der Informationstechnologie oder Robotik nicht aufgehalten. Zu groß war die Sorge, dass komplexe und arbeitsteilige Gesellschaften nicht mehr steuerbar sein könnten. 

Daran sollte auch eine fortschreitende Demokratisierung nichts ändern. Der spätere Nobelpreisträger Kenneth Arrow legte 1951 mit seiner Doktorarbeit nicht nur die Grundsteine zur Sozialwahltheorie, sondern prägte mit seinem (Un)Möglichkeitstheorem die Sichtweise, dass diese Partizipation der Massen gelenkt und vorstrukturiert werden muss. Diese Sichtweise basierte auf der Erkenntnis, dass eine reine Aggregation von individuellen Präferenzen Paradoxien und Verletzungen von Rationalitätsannahmen mit sich bringt. Sinnvoll sei eher eine Abstimmung über einen vorstrukturierten "Willen", der über die persönlichen Präferenzen hinausgehen sollte: "Voting, from this point of view, is not a device whereby each individual expresses his personal interests, but rather where each individual gives his opinion of the general will." 

Journalismus schaffte im politischen System Stabilität

Um die Regierbarkeit einer Gesellschaft sicherzustellen braucht man also einen General Will, der dann zur Abstimmung gebracht wird. Nun mag man anmerken, dass es ja unterschiedliche ideologische Positionierungen gibt, die trotz dieser Einschränkungen eine große Bandbreite an Meinungen fördern.

Allerdings zeigte sich, dass es durchaus gewisse Übereinstimmungen zwischen konservativen und liberalen und sogar sozialistischen Perspektiven gab (technologischer Fortschritt, Wohlfahrtsstaat, Stimmrecht) und so groß die Unterschiede oft nicht waren. Oder wie es der Soziologe Niklas Luhmann treffend bemerkte: "Das Geheimnis der Alternative ist: dass sie gar keine Alternative anzubieten habe." Betrachtet man den Beruf des Journalisten unter dieser Perspektive, besteht dessen Aufgabe darin, diesen Volonté générale bzw. seine Ausprägungen zu erklären, zu kommentieren und zu kritisieren.

Die Präferenzen des Individuums spielen hierbei keine große Rolle und letztendlich wirkt diese Art der aufklärerischen Kommunikation und Information stabilisierend, weil Positionen, die auf Unwissenheit beruhen, geschwächt werden. Die ideologische "Vielfalt" allerdings bröckelte dann allerdings mit dem Kollaps des sozialistischen Lagers. Medien, die bislang die unterschiedlichen Blickwinkel des General Will vertraten, waren nicht nur auf Grund der Auflagenhöhe gezwungen, eine inhaltlich entideologisierte Stellung in der – wie auch immer definierten – Mitte der Gesellschaft einzunehmen, wobei dies – gemeinsam mit einer Schwächung des Staates durch neoliberale Ideologien – zu einer spürbaren "Entpolitisierung" und ihren Konsequenzen führte, wie die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe bemerkte: "Das Ergebnis ist leider, wie wir in vielen Ländern mitansehen müssen, keine reifere, versöhnte Gesellschaft ohne scharfe Trennungslinien, sondern es besteht ein Anwachsen anderer kollektiver Identitätstypen, die sich um religiöse, nationalistische oder ethnische Identifikationstypen bilden. Die Entwicklung eines moralistischen Diskurses und die obsessive Enthüllung von Skandalen aus allen Lebensbereichen sind, wie auch das Anwachsen verschiedener Formen des religiösen Fanatismus, allzu oft Konsequenzen aus der Leere, die im politischen Leben durch die Abwesenheit demokratischer, durch konkurrierende politische Werte informierter Identifikationsformen erzeugt wird."