"Hab ich's nicht gesagt?" – wenn Dr. Florian Neukart diesen Satz zu Vorgesetzten und Kollegen sagen kann, dann hat er seine Arbeit richtig gemacht. Denn Neukarts Job ist es, Ereignisse vorherzusehen. Allerdings nicht durch zweifelhafte Hilfsmittel wie Kaffeesatz oder Kristallkugel, sondern durch die Analyse zahlreicher Daten und Fakten und mithilfe der Mathematik. Neukart arbeitet im Volkswagen Data Lab und ist dort unter anderem mit Kliodynamik beschäftigt. "Der Begriff Kliodynamik als Bezeichnung für unseren Forschungszweig tauchte 2003 erstmals auf. Die Grundlagen unserer Forschung sind aber schon älter", sagt Neukart.

Im Kern geht es darum, historische Ereignisse zu analysieren und die gesammelten Daten für die Vorhersage zukünftiger Geschehnisse zu nutzen. Dazu schauen sich Kliodynamiker keine punktuellen Ereignisse in der Geschichte an, sondern betrachten eine Jahre oder Jahrzehnte andauernde Entwicklung. Letztlich können die Ergebnisse der Analyse mit aktuellen Entwicklungen verglichen und so verlässliche Prognosen erstellt werden.

"Ein Beispiel ist die Entwicklung einer Gesellschaft von der Agrarkultur zur Industriegesellschaft. Das ist vor etwa 150 Jahren in Europa und den USA passiert, hat die demografischen Strukturen maßgeblich beeinflusst und ganze Länder verändert. So einen Prozess kann man analysieren und die so erhobenen empirischen und historischen Daten in mathematische Gleichungen einbauen", sagt Neukart.

Anhand der Gleichungen könne man dann Rückschlüsse auf aktuelle Entwicklungen schließen – etwa derzeit in China und Indien. Auch die Veränderungen politischer Strukturen können auf diese Weise errechnet werden. Dazu analysieren die Kliodynamiker, wie sich Machtverhältnisse über einen Zeitraum verändern. Wie hat die Führung eines Landes in der Vergangenheit auf bestimmte Ereignisse reagiert? Wie schnell geschehen die Veränderungen? Treffen die Personen heute ähnliche Entscheidungen? Welche Auswirkungen haben diese Entscheidungen auf die Wirtschaft und möglicherweise auch auf Unternehmen? "Selbst Kriege und die Stabilität oder die Entwicklung von Gesellschaften kann man ausrechnen", sagt Neukart.

Bei seinen Forschungen muss er zuerst ein Ziel definieren und festlegen, was untersucht werden soll und welche Ergebnisse im Optimalfall dabei herauskommen sollen. Dies könne, so Neukart, etwa das Bruttoinlandsprodukt eines Landes in naher Zukunft sein. Anschließend schaut der Kliodynamiker, welche Faktoren auf das Ziel einen Einfluss haben. Dabei muss er auch berücksichtigen, inwieweit die Faktoren das Ziel in der Vergangenheit beeinflusst haben.

Sind alle Faktoren erfasst, wird zur Berechnung ein mathematisches Modell erstellt, anhand dessen die Eintrittswahrscheinlichkeit errechnet werden kann. Getestet wird dieses Modell dann mithilfe von vergangenen Ereignissen, bei denen das Ergebnis bekannt ist. So kann Nerkart die Zuverlässigkeit des Modells einstufen. "Der gesamte Prozess, also die Daten zusammenzutragen, einzuordnen und dann in eine mathematische Gleichung zu bringen, ist eine wahre Sisyphusarbeit."

Interessant sind die Ergebnisse der Kliodynamiker außer für die Politik insbesondere für große Konzerne, die weltweit agieren. Denn anhand der Analysen kann man erkennen, wie sich ein Land zukünftig wirtschaftlich entwickelt.

Wirtschaft und Politik setzen auf die Analysen

Dennoch, schränkt Neukart ein, müsse man immer berücksichtigen, dass die Kliodynamik sich lediglich mit der Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Ereignisses beschäftigt. "Ich kann nicht sagen: Das passiert zu 100 Prozent."

Einen auf die Kliodynamik spezialisierten Studiengang oder gar eine eigenständige Ausbildung gibt es (noch) nicht. In der Regel werden neue Mitarbeiter innerhalb eines bestehenden Kliodynamikerteams an die Materie herangeführt. "Wir müssen sehr komplexe Daten und Zusammenhänge verarbeiten, das funktioniert nur im Team", sagt Neukart.

Kliodynamiker bringen meistens spezielles und fundiertes Fachwissen, entweder aus dem Bereich Geschichte oder aus den Bereichen Mathematik, Informatik oder Statistik mit. Persönliche Fähigkeiten wie eine ausgeprägte Neugierde, präzises Arbeiten, Geduld sowie Teamfähigkeit runden das ideale Profil eines Kliodynamikers ab. Ganz wichtig ist zudem abstraktes Denken. "Wir müssen die gesammelten Daten in ein mathematisches Muster einordnen", sagt Neukart.

Wirkliche Schattenseiten hat der Analyst an seinem Beruf bisher nicht feststellen können, ganz im Gegenteil. "Jedes Projekt ist anders, es ist immer wieder interessant, herauszufinden, wie man an eine Sache herangehen muss. Und letztlich ist es auch toll, zu sehen, wenn ein Ereignis, das man selbst vorausgesagt hat, dann auch genau so eintrifft."

  • Gehalt: keine Angaben
  • Arbeitszeit: In der Regel 38 bis 40 Stunden pro Woche, vor Projektabschluss auch mehr.
  • Ausbildung: Keine direkte Ausbildung oder Studium möglich, ein abgeschlossenes Mathematik- oder Geschichtsstudium sollte als Voraussetzung gegeben sein.