Es gibt wahrscheinlich kein Produkt, das nicht optimiert werden kann. Leichter, stärker, handlicher zum Beispiel. Ob Sportschuh, Windturbine oder Digitalkamera. Versuchsingenieure testen und verbessern Produkte in der Entwicklung. Simon Haug arbeitet als Versuchsingenieur bei der Firma Stihl in Waiblingen. Er versucht etwa, einen Freischneider zu verbessern. Das ist ein Gartengerät für den professionellen Einsatz, mit dem Arbeiter Gras und Gestrüpp am Straßenrand mähen oder den Wald pflegen. "Durch eine andere Abstimmung der Gummilager im Anti-Vibrationssystem wollen wir die Vibrationen am Griff verringern, sodass länger mit dem Freischneider gearbeitet werden kann und weniger Pausen notwendig sind", erzählt Haug. Derzeit führen die starken Vibrationen zur Ermüdung in der Hand. Das Gerät hat einen Zweitaktmotor mit 2,7 PS und wiegt gute 8,5 kg. Es ist ein Vorserienmodell.

Haug will herausfinden, ob die Schwingungen am neuen Gerät im Vergleich zum alten tatsächlich nachgelassen haben. Messwerte am Prüfstand zeigen die Unterschiede der Versionen zueinander und ob die vorher durchgeführten Simulationen das erwünschte Ergebnis bringen. Außerdem führt der Versuchsingenieur einen eigenen Test durch: Im Feld arbeitet Haug mit dem alten und neuen Gerät, um herauszufinden, ob die gemessenen Verbesserungen auch spürbar sind.

Immer wieder ändert er die Gummilager und testet, ob Veränderungen festzustellen sind. Auch misst er den Verschleiß der Lager. Alle Ergebnisse dokumentiert und analysiert der Ingenieur sorgfältig. Die Testergebnisse sind die Grundlage für die Weiterentwicklung. Und nicht nur der Versuchsingenieur prüft die Entwicklung. Die neuen Freischneider testen auch Kunden in aller Welt, Haug wertet deren Erkenntnisse aus.

Während des Studiums war Haug Mitglied eines Rennteams der Formula Student Serie. Das ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb für Studenten. "Dabei habe ich ein Gefühl für Materialien, Haltbarkeit von Bauteilen und Abstimmung von Baugruppen bekommen", erzählt er. "In meinem Job muss ich hartnäckig, neugierig und standhaft sein, denn wir Versuchsingenieure müssen Rede und Antwort stehen, wenn die Maschine fehlerhaft ist." Am Prüfstand muss er sich mit der Software auskennen. Darum kommt es in seinem Beruf auch auf Erfahrung an. Die muss sich ein Berufseinsteiger erst erarbeiten.

Haug hat eine Ausbildung als Mechaniker abgeschlossen, dann Maschinenbau mit Bachelor-Abschluss und Schwerpunkt Konstruktion und Entwicklung studiert.

Auch der Leiter der Versuchsabteilung Dauererprobung Motorgeräte bei Stihl ist Maschinenbauingenieur. "Das ist eine typische Ausbildung für Versuchsingenieure", sagt Michael Hocquel. Der Mittvierziger hat sogar promoviert. Gut 20 Versuchsingenieure arbeiten allein in seiner Abteilung.

Auch die Fachrichtungen Elektrotechnik und Mechatronik seien für eine spätere Tätigkeit als Versuchsingenieur stark im Kommen. Viele Maschinen sind zunehmend mit intelligenten Steuergeräten ausgestattet, viele Geräte werden elektrisch oder mit Akku betrieben. Generell seien die Berufschancen von Versuchsingenieuren sehr gut, sagt Hocquel. Zwar nehme die Produktion in Deutschland eher ab, Entwicklung aber zu. Oft arbeiten Versuchsingenieure auch in internationalen Teams – daher sind gute Sprachkenntnisse von Vorteil.

Haug war nach seinem Bachelor-Studium neun Monate mit dem Rucksack in Asien und Neuseeland unterwegs, "überwiegend, um mein Englisch zu verbessern", erzählt er. Dem Reisen folgten 18 Monate als Bauteilekonstrukteur bei Porsche in Weissach. In dem Job hat Haug festgestellt, dass er einen Master braucht, um beruflich voranzukommen. Den machte er an der Fachhochschule in Esslingen mit der Fachrichtung Design and Development für Automotive and Mechanical Engineering. Während des Masters arbeitete er weiterhin als Werkstudent bei Porsche in der Fahrzeugerprobung. "Das war mein erster Kontakt zum Versuch, der Job hat mir von Beginn an viel Spaß gemacht", sagt Haug.

Weil Stihl das spannendere Thema für eine Master-Thesis bot, schrieb er diese dort. Und blieb. Seit Mai 2014 arbeitet er im Versuch. "Ich will nicht nur konstruieren und simulieren. Ich will das Produkt in die Hand nehmen, damit arbeiten und Kontakt zu Anwendern haben." Haug sagt von sich, er sei praktisch veranlagt und das ist gut so, weil Versuchsingenieure Produkte schon mal selbst zerlegen und wieder zusammenbauen.

Ein Manko sieht Haug in der Ingenieursausbildung: In der Regel lernt man im Studium nicht, wie man Versuche durchführt. "Ich habe daher an fachspezifischen Schulungen teilgenommen, beispielsweise zum Umgang mit Prüfstandsoftware." Das Meiste lernten Berufseinsteiger so in den ersten Jahren bei der Arbeit am Produkt. Ausgelernt habe man in diesem Beruf aber sowieso nie.