Manche Geschäftsidee wird relativ spontan aus dem Alltag heraus geboren. Das erfuhr auch Angela Schmidt. Die gelernte Einzelhandelskauffrau liebäugelte schon lange mit einer Selbstständigkeit, hatte aber keine Idee, die sie selbst überzeugte. Also blieb sie zunächst in ihrem erlernten Beruf, arbeitete in einem Geschäft für Wolle und als Filialleiterin in der Lebensmittelbranche. "Aber das war nicht meins", erzählt die 50-Jährige.

Nach einem Auslandsaufenthalt in den USA entschied sie sich, das Abitur nachzuholen und Anglistik und Medienwissenschaften zu studieren. Danach arbeitete sie als Büromanagerin in einem Hamburger Unternehmen, bei zwei Start-ups in München und kam wieder nach Hamburg zurück, wo sie ihren Mann kennenlernte und eine Familie gründete. "Schon während der Elternzeit wusste ich, dass ich in meinen vorherigen Beruf nicht zurückkehren wollte."

Der Impuls für die passende Geschäftsidee kam von ihrer Tochter: "Als sie eine schlimme Bronchitis hatte und ich deswegen längere Zeit beruflich für ihre Pflege ausfiel, habe ich mir überlegt, dass es für solche Fälle eine Lösung geben muss. Eltern sind auf sich allein gestellt, wenn ihre Kinder krank werden, nur wenige Unternehmen unterstützen sie – wollen aber andererseits nicht, dass wichtige Kundentermine oder Geschäftsreisen ausfallen." Das wollte die gebürtige Rheinland-Pfälzerin ändern.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Eine Freundin machte sie auf den Verein Zu Hause Gesund Werden in München aufmerksam. Seit mehr als 20 Jahren bietet diese von der Stadt subventionierte Einrichtung eine kostengünstige ehrenamtliche Notfallbetreuung für Eltern innerhalb der nächsten beiden Tage an. Schmidt reiste hin und unterhielt sich ausgiebig mit der Geschäftsführerin. "Mir war gleich klar: So einen Service brauchen wir auch in Hamburg." Und ihr war auch klar, dass ihr Modell zwar dieselbe Grundidee haben würde, strukturell aber anders funktionieren sollte: "Ein faires Honorar stand für mich außer Frage, weil ich es als Benachteiligung für die Frauen empfunden hätte, die eine Betreuung übernehmen und damit anderen Eltern helfen, dass diese in ihrem Job arbeiten können." Zudem war Schmidt eine medizinische oder pädagogische Ausbildung des Notfallpersonals wichtig sowie schnelles Handeln: "Aus Elternsicht muss es schnell, gut und unkompliziert sein, wenn ein Notfall eintritt."

Schmidt baute zunächst in Hamburg ein versiertes Team aus Kinderkrankenschwestern, Erzieherinnen und Pädagoginnen auf, die zum Teil schon in Rente sind. Sie legte Werbung in Kitas und bei Kinderärzten aus. Auch Unternehmen stellte sie ihre Idee vor und startete dann im Juni 2012 mit den Notfallmamas, die innerhalb von drei Stunden am Einsatzort sind. Der Service kostet circa 30 Euro pro Stunde.

Mittlerweile hat sich ihr Unternehmen etabliert, Firmen kommen von selbst auf sie zu, um die Leistungen für ihre Mitarbeiter zu buchen. "Auch viele Privatkunden schätzen uns. Beim Kitastreik waren die Anfragen besonders zahlreich", erzählt die Gründerin. Sonst würden sie meist gerufen, wenn kranke Kinder auf dem Genesungsweg sind, aber noch nicht wieder in den Kindergarten dürfen. Dass eine Fremde einige Stunden zur Betreuung kommt, ist laut Schmidt kein Problem: "Das funktioniert prima, weil die Kinder zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Da sind sie der Chef und die Notfallmama kommt eben zu Besuch. Zudem haben die meisten Kitaerfahrung und kennen es, von jemandem außerhalb der Familie betreut zu werden."

Auf Expansionskurs

30 Notfallmamas managen Schmidt und ihr zweiter Geschäftsführer Ingo Hess in sieben bundesweiten Niederlassungen inzwischen und sie sind mit ihrem Betreuungsmodell weiter auf Expansionskurs: Seit Herbst 2015 sind München, Düsseldorf und Köln im Aufbau, weitere Planungen gibt es für Stuttgart, Leipzig und das Rhein-Neckar-Gebiet.

Dass ihr das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf einmal so wichtig und sogar Motor für eine Unternehmensidee werden würde, hätte Schmidt nicht gedacht: "Ab und an muss ich innehalten und freue mich, wie sich die Notfallmamas in den letzten dreieinhalb Jahren entwickelt haben. Aus dem Start-up ist nun sogar eine GmbH geworden. Der Erfolg fühlt sich gut an und ich kann sagen: Ich habe meinen Traumberuf endlich gefunden!"