Schon Aristoteles sah Arbeit als Gegensatz zur Freiheit. © Soeren Stache/dpa

Arbeit ist eine gigantische Erfolgsstory in der Menschheitsgeschichte. Sie hat uns Wohlstand und Fortschritt gebracht. Zugleich hat sie sich selbst über die Jahrtausende weiterentwickelt. Von der körperlichen Maloche über entfremdete Industriearbeit bis hin zu den Wissensarbeitern von heute. Auch heute ist Arbeit immer noch ein zentraler Wert, der nicht nur unser Leben, sondern auch die Gesellschaft zusammenhält. Noch nie war sie so gut wie heute und doch scheint es, als wäre sie schlimmer und trostloser denn je.

So haben auch vor ein paar Wochen die Ratschläge des Fischer-Appelt-Chefs Frank Behrendt, wie man locker durchs Berufsleben kommt, für ziemliches Aufsehen gesorgt. Aussagen wie: "Liebe deine Familie, deine Freunde, dich selbst und das Leben. Aber nie deinen Job" treiben nicht nur den Wirtschaftsbossen den Schweiß auf die Stirn, sondern treffen auch tief unsere geschundenen Arbeitsseelen. Denn sie entfachen in uns eine Sehnsucht nach Normalität und Selbstverständlichkeit, die im Berufsleben offensichtlich zunehmend verloren geht. "Ich liebe Menschen und keinen Job", lautet der Standpunkt des Thesenvaters Behrendt.    

Das klingt plausibel. Aber sollte man seine Arbeit nicht trotzdem lieben? Immerhin ist das der Anspruch unserer Zeit: Arbeit soll erfüllend und sinnstiftend sein.

Diskussionen um die Bedeutung und den Stellenwert von Arbeit haben eine lange Tradition und reichen weit bis vor die christliche Zeitrechnung zurück. Schon Aristoteles, einer der bekanntesten und einflussreichsten Philosophen der Antike, sah Arbeit als einen Gegensatz zu Freiheit. Später im Mittelalter und während der Reformation wurden meist theologische Debatten über die Arbeit geführt. Die deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts erklärten sie schließlich zur sittlichen Pflicht und Existenzbedingung des menschlichen Daseins.

Hegel sah die berufliche Tätigkeit des Menschen als wesentlichen Aspekt seiner Identität und Freiheit, der Urvater der Ökonomie, Adam Smith, bezeichnete den Beruf als einen modernen Tauschhandel: Für ihn verkauft der Mensch seine Arbeitskraft an das beste Angebot. Auch wenn seine zentrale Botschaft umstritten ist, prägt sie bis heute unser Verhältnis zur Arbeit. Deswegen glauben wir auch im tiefsten Inneren immer noch: Wer funktioniert, effizient ist und Erfolg hat, wird mit Sicherheit belohnt.

Wir verlieren die Liebe zur Arbeit

Heute begleitet ständiger Wandel unser Leben und prägt unser Handeln. Das gilt auch für Veränderungen in der Wirtschaft. Und diese bewegt sich gerade mit wachsender Geschwindigkeit durch den am tiefsten greifenden Wandel seit der industriellen Revolution. Die Globalisierung reißt alle Grenzen ein. Das Tempo der Entwicklungen verwandelt Unternehmen und die Menschen, die ihn ihnen arbeiten, rasant. Neue Technologien machen die Trennung zwischen Arbeitszeit und Privatleben fast unmöglich. Stattdessen werden die Innovations- und Entwicklungszyklen immer kürzer und der Druck auf die, die mit diesen Entwicklungen umgehen, immer größer. Freundschaften und Ehen zerbrechen, Körper und Geist verkümmern. Vielversprechende Karrieren können über Nacht genauso enden wie seit Jahren fest eingetretene, scheinbar sichere berufliche Pfade.

Was uns darüber verloren geht, ist die Überzeugung, das Richtige zu tun und die Liebe zu unserer Arbeit.

Das zeigt Jahr für Jahr die Gallup-Studie. Wäre ihr Job eine Ehe, hätten ungefähr 25 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland vermutlich schon längst die Scheidung eingereicht. Laut der Untersuchung haben viele Beschäftigten entweder "innerlich gekündigt" oder machen nur "Dienst nach Vorschrift". Auf der anderen Seite stehen jene, die für ihren Job brennen (oftmals bis sie ausgebrannt sind) und – passend zur Haltung einer wachstumsfixierten Ökonomie – behaupten, ihre Arbeit sei "momentan das Wichtigste in ihrem Leben". Übrigens gibt es hierbei einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Während 54 Prozent der Männer davon überzeugt ist, gilt das nur für 28 Prozent der Frauen, stellt eine repräsentative Umfrage des Gewis-Instituts fest. 

Es ist also gar nicht so einfach mit dem Job: Einerseits macht er uns das Leben schwer, weil wir ihn oft als Zumutung empfinden. Trotz stetig sinkender Arbeitszeit nimmt er zu viel Raum ein und bestimmt unser Leben. Und das auf Kosten all jener Werte, die sich nur jenseits der Arbeit verwirklichen lassen, in Familie und Freizeit. Andererseits sind unsere Ansprüche gestiegen, und wir müssen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen und unseren Wohlstand zu sichern.