Ältere Arbeitslose brauchen oft sehr lange, um eine neue Stelle zu finden. Ihnen können Weiterbildungen helfen. © Bernd Wüstneck/dpa

Birgit Heiß sitzt zu Hause am Rechner. Sie hat Kopfhörer auf und zwei Monitore vor sich. Auf dem einen ist ein Trainer zu sehen, auf dem anderen ihre Notizen und ein Chat. Hier kommuniziert die 56-jährige zahnmedizinische Fachangestellte mit den anderen Teilnehmern im Onlinekurs. Der dauert ein knappes halbes Jahr und umfasst auch Präsenzunterricht bei einem Weiterbilder in Heilbronn. Für Heiß die Aussicht auf einen beruflichen Neuanfang. Die 56-Jährige war längere Zeit arbeitslos.

Dabei werden Fachkräfte in Gesundheitsberufen gesucht. Trotzdem war die Stellensuche für die zahnmedizinische Fachangestellte "lange Zeit nahezu aussichtslos". Zwar konnte sie über zwanzig Jahre Erfahrung in der zahnärztlichen Kassenabrechnung sowie Spezialkenntnisse in Buchhaltung vorweisen. Trotzdem war sie vor ihrer Weiterbildung fast anderthalb Jahre ohne Arbeit. Ein möglicher Grund: ihr Alter. Ein weiterer: Ihr fehlten die neuesten Kenntnisse. Denn zuletzt hatten sich die Kassenvereinbarungen der Zahnärzte von Grund auf verändert – und mit ihnen die komplexen Prozesse bei der Abrechnungssoftware. 

An ihrem Alter kann die 56-Jährige nichts verändern, aber an ihrem Know-how. Sie frischte ihre Kenntnisse im zahnärztlichen Praxis- und Abrechnungsmanagement, Betriebswirtschaft und medizinischer Dokumentation auf. Das Ergebnis: Sie fand eine neue Stelle. "Es ist wie ein Wunder, dass ich wieder in meinem Beruf einen Arbeitsplatz gefunden habe", sagt Heiß.

Im Kurs war sie allerdings eine der wenigen älteren Teilnehmerinnen. Das erstaunt nicht: Nur acht  Prozent der über 55-jährigen Arbeitslosen erhielten im Jahr 2015 eine berufliche Weiterbildung, wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit mitteilt. Und schaut man sich in den Unternehmen die Weiterbildungsquote an, stellt man fest: Auch hier sind die älteren Beschäftigten dramatisch unterrepräsentiert. Viele Arbeitgeber investieren noch zu wenig in ihre älteren Mitarbeiter. Frei nach dem Motto: Das lohnt sich nicht mehr. So kommt es, dass ihr Fachwissen selbst on the job veraltet – und sie bei Umstrukturierungen und Entlassungen wegen fehlender neuester Fachkenntnisse eher den Arbeitsplatz verlieren.

Dabei haben es die Über-50-Jährigen bei der Jobsuche schwerer als die Jüngeren: So stieg die Zahl der arbeitslosen Über-55-Jährigen bis unter 65-Jährigen im Februar 2016 im Vergleich zum Jahr 2009 von 496.000 auf 604.000 Personen an, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilt. Dazu kommen über 160.000 Langzeitarbeitslose über 58 Jahre.

Fachkräfte gesucht, aber nicht mit über 50

Verrückt daran ist: Es betrifft auch Menschen mit Fachkenntnissen, die auf dem Arbeitsmarkt eigentlich stark gesucht werden. So wie Dörthe Hube. Die 54-Jährige ist studierte Agraringenieurin. In ihrem bisherigen Arbeitsleben hat sie sich ein solides Expertenwissen als Software-Projektmanagerin aufgebaut. Sie verfügt über 15 Jahre Erfahrung in der Kundenberatung und im Vertrieb – in Deutschland, Österreich und Frankreich. Und trotzdem fand sie zunächst keinen neuen Arbeitsplatz in der IT-Branche, als sie nach einem Umzug ihre alte Stelle verlor.

Hube nahm eine zweimonatige SAP-Schulung in Anspruch, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Und prompt kam ein Jobangebot von einem Unternehmen, mit dem sie bereits zuvor Kontakt gehabt hatte. Frisch geschult war sie für diesen Arbeitgeber plötzlich attraktiv. Heute arbeitet Hube wieder als Projektmanagerin in einem Betrieb, der Softwarelösungen für die Industrie herstellt.