Self-Tracking ist im Bereich Fitness und Sport verbreitet. Aber bringt Performance-Tracking tatsächlich einen Nutzen für Führungskräfte? © Jan-Philipp Strobel/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Kübler, Sie haben Leada, einen Assistenten für Führungskräfte, entwickelt. Was genau ist das?

Frank Kübler: Leada ist eine App, die als Assistenz Führungskräften behilflich ist. Man kennt es aus dem Auto. Der Fahrer wird durch verschiedene Systeme wie den Fahrspurassistenten oder das Navigationsgerät unterstützt. Sie müssen zwar noch immer Auto fahren können und auch aufmerksam sein. Die Assistenten jedoch helfen dem Fahrer, dass er optimal und sicher durch den Verkehr kommt.

So ähnlich funktioniert unsere App. Sie schaut über den Tag, die Woche oder den Monat, wie sich die Leistungsfähigkeit der Führungskraft entwickelt. Der Nutzer bekommt damit einen besseren Überblick über seine Performance und kann achtsamer mit sich selbst umgehen. Das hilft, sich besser einzuschätzen. Und die Apps gibt auch konkrete Tipps – etwa in Konfliktsituationen.

ZEIT ONLINE: Wie das?


Kübler: Die App unterstützt Führungskräfte bei der Selbststeuerung. Es geht nicht darum, dem Nutzer zu sagen, was er zu tun hat.

Im Sportbereich zum Beispiel sammeln viele bereits per Self-Tracking Daten. So kann der Nutzer sich und seine Leistung beobachten. Unsere Idee war: Warum also sollte man als Führungskraft nicht auch seine Performance im Blick haben?

Natürlich funktioniert das nur, wenn man die App mit Informationen füttert. Zum Beispiel, wie man geschlafen hat. Dann wird im Tagesverlauf aufgezeigt, welche Auswirkung der gute oder schlechte Schlaf auf meine Leistung an dem Tag hat.

ZEIT ONLINE: Eine Führungskraft sollte doch aber in der Lage sein, ihre Probleme auch ohne eine App lösen zu können.

Kübler: In der Theorie, ja. In einer akuten Stresssituation sieht das oft anders aus. Wenn der Stresspegel hoch ist, kann man das Know-how für die Lösung eines Problems oft nicht ad hoc abrufen. Dann braucht es einen Handlungsimpuls. Und den kann eine App durchaus liefern.

Wir wollen aber mehr. Es geht darum, am Ende der Arbeitswoche zu schauen, wie es ihnen ergangen ist. Führungskräften sollte generell daran gelegen sein, ihre Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten.

ZEIT ONLINE: Und das erreichen sie wie?

Kübler: Das erreichen sie, wenn langfristig ihre Stärken zum Tragen kommen und sie gleichzeitig auf die Themen aufmerksam gemacht werden, mit denen sie nicht gut umgehen können. Nur so kann man sich ehrlich einschätzen – und die eigene Entwicklung voranbringen.

ZEIT ONLINE: Die App funktioniert aber nur mit realen Daten. Was aber, wenn die Führungskraft die App mit falschen Informationen füttert – etwa, weil sie befürchtet, die Daten könnten von Dritten gesehen werden. Oder auch weil sie sich nicht eingestehen kann, dass sie am Limit ist?

Kübler: In den letzten 15 Jahren haben wir mit rund 20.000 Führungskräften gearbeitet. Die Praxis zeigt, dass die Mehrheit sehr wohl in der Lage ist, sich selbst ehrlich einzuschätzen. Das Problem ist vielmehr, dass sie keiner daran erinnert sich zu fragen, wie es ihnen ganz konkret heute geht. Zum Beispiel, ob sie heute überhaupt in der Lage ist, schwierige Themen anzugehen oder ob es eher ein Tag für Routinen ist.

Die App zeigt aber nicht nur, dass es an einer Stelle hakt. Mit ihr können Führungskräfte auch hinterfragen, was die Gründe dafür sind. Ist es "nur" der schlechte Schlaf, sind es private Gründe oder sind es Belastungen aus der Arbeit?

Kann ich erfassen, woher die Belastung kommt, habe ich nicht nur ein Bewusstsein für die Probleme entwickelt, sondern erhalte auch von der App den ersten Handlungstipp. Verdrängungsmechanismen haben so keine Chance.

ZEIT ONLINE: Wo werden die Daten gesammelt und wer kann sie sehen?

Kübler: Die Daten liegen bei uns auf einem deutschen Firmenserver. Wir haben in der Vergangenheit bereits für andere Projekte persönliche Daten erhoben, und dafür Konzernbetriebsvereinbarungen erreichen können. Das heißt, wir halten uns bei der Datenerhebung grundsätzlich an deutsches und europäisches Recht. Die persönlichen Daten jeder einzelnen Führungskraft können also nicht von Dritten eingesehen werden.

ZEIT ONLINE: Kann jeder die App nutzen?

Kübler: Wir haben jetzt im Januar die Betaphase mit einigen ausgewählten Unternehmen gestartet. Denn einerseits braucht es dafür eine Unternehmenskultur, die fern einer patriarchischen Angstkultur ist. Andererseits müssen die Daten auch korrekt interpretiert werden. Deshalb werten wir die Daten aus, spreche eine Handlungsempfehlung aus und begleiten den Prozess. Dafür braucht es aber ein Management, das den Dialog wünscht und auch fördert.