Gunther Schmidt mit Tachymeter und elektronischem Feldrechner: Der Geodät vermisst eine Fläche, auf der ein Gebäude geplant wird. Den Rechner hat er in der Hand, das Tachymeter ist das Gerät mit den gelben Standbeinen. © Peter Ilg

Sie denken in Dreiecken: Vermessungsingenieure, oder Geodäten, wie sie auch genannt werden. Geodäsie ist die Wissenschaft von der Vermessung der Erde. Geodät stammt aus dem griechischen und heißt übersetzt so viel wie "der die Erde vermisst und einteilt". Vermessen – das machen Menschen, seit es Bauwerke und Grundstückseigentümer gibt. Im alten Ägypten etwa wurden nach den jährlichen Überschwemmungen des Nils die Feldparzellen der Bauern neu eingemessen. Und die Pyramiden konnten nur dank exakter Vermessungen gebaut werden. Ohne präzise Winkelmessung hätten sich die Seiten nicht oben in einer Spitze getroffen. Heute gibt es kein Bauprojekt ohne Vermessung, die grundlegende Arbeit der Vermessungsingenieure hat sich seit der Antike nur wenig verändert.

"Unsere Arbeit basiert auf Trigonometrie", sagt der Geodät Gunther Schmidt. Sein Spezialgebiet ist die klassische Vermessung von Grund und Boden. Dazu gehört beispielsweise, geplante Gebäude in ausgewiesenen Flächen einzumessen. Und wie geht das? "Ich brauche mindestens zwei, besser drei Punkten und deren Koordinaten", erklärt der 50-Jährige. Die Punkte sind Grenz- oder Vermessungssteine, die Koordinaten erhält er vom Vermessungsamt. Der Rest ist Dreiecksberechnung. Allerdings hantiert da dabei weniger mit rot-weißen Stangen wie es vor einigen Jahren noch weitgehend Usus war. Heute müssen Geodäten High-Tech-Geräte beherrschen.

Schmidt rechnet mit einem Tachymeter. Es hat einen elektronischen Feldrechner, ein System das von Mikroprozessoren gesteuert wird. Wird ein Zielpunkt anvisiert, erfolgt die Messung elektrooptisch.

Auf den ersten Blick wirkt der Beruf vielleicht etwas eintönig, warum hat sich Schmidt für diesen Job entschieden? Nach dem Abitur und Wehrdienst überlegte er, was er lernen könnte. Eines war klar: "Ich wollte häufig in der Natur sein und eine abwechslungsreiche Arbeit machen." Ein Freund der Familie war Vermessungsingenieur und weil der sagte, in dem Beruf seien beide Kriterien erfüllt, machte Schmidt ein Vorpraktikum, das die Hochschule Stuttgart für das Studium vorschrieb. "Das Pflichtpraktikum leistete mir gute Dienste. So habe ich den Beruf kennengelernt, aber hätte mich noch umorientieren können, falls mir die Arbeit nicht gefallen hätte." Der Job machte ihm aber Spaß. 1990 verließ er die Hochschule als Vermessungsingenieur.

In den ersten 15 Jahren arbeitete er in einem Ingenieurbüro und machte vor allem Bestandsaufnahmen von Grundstücken. "Dann war die Auftragslage schlecht und ich meinen Job los", erzählt er. Schmidt machte sich notgedrungen selbstständig. Drei Jahre lang war er selbstständig tätig, dann stellte ihn das Vermessungsbüro von Andreas Lingel an. Auch Lingel ist Geodät. In seiner Firma beschäftigt er 15 Mitarbeiter und bietet unter anderem auch die Vermessung von Mietflächen an.

Nachwuchs gesucht

In der Regel wurden diese schon zu Beginn des Baus vermessen. Aber bei den in den Bauplänen angegeben Flächen ist ein Putzabzug von fünf Prozent für die Berechnung des Mietpreises üblich. Steht der Neubau, wird nachgemessen. "Die Wirklichkeit kann zu deutlich höheren oder niedrigeren Mieten führen", sagt Lingel. Einmal maßen sie ein großes Geschäftshaus mit einer Mietfläche von rund 16.000 Quadratmetern in zentraler Einkaufslage einer Großstadt. Das Haus hatte entsprechend hohe Mietpreise. "Nach unserer Vermessung ergab sich gegenüber dem Putzabzug eine Mietdifferenz von 150.000 Euro auf die Mietdauer von zehn Jahren", erzählt er. Weil bei Neubauten heute häufig nicht mehr verputzt wird, sondern Betonwände gestrichen oder Trockenbauwände eingesetzt werden, ist der vormals eingeplante Putzabzug dann unnötig.

Lingels Büro bietet außerdem 3-D-Lasercanning von Gebäuden an und er macht Vermessungen für die Industrie. Dazu gehört bei manchen Aufträgen auch die Frage, wo genau ein Roboter in einer Produktionslinie am Boden verschraubt werden soll. Zudem führt das Büro Katastervermessungen durch. Dabei werden Flurstücksgrenzen überprüft und festgelegt oder neue Flurstücke gebildet. Allerdings darf nicht jeder Vermessungsingenieur solche Dienstleistungen übernehmen. Um Katastervermessungen vorzunehmen, braucht es eine öffentliche Bestellung und diese wiederum setzt eine umfangreiche Weiterbildung voraus. In Baden-Württemberg haben diese nur rund 200 Vermessungsingenieure.