Das Grün der Blätter ist satt, die Blüten wirken frisch. Und Günter Hartig muss die Blumen, die er in seinem Ladengeschäft ausstellt, weder düngen noch gießen. "Unsere Blumen und Pflanzen sind aus Stoff gefertigt", erklärt er. Hartig ist Geschäftsführer der Deutschen Kunstblume Sebnitz, einer Manufaktur, die Kunstblumen herstellt. "Offiziell nennt sich der Beruf Kunstblumenfacharbeiter oder -arbeiterin. Bei uns in der Region werden die Mitarbeiterinnen aber auch liebevoll Blümlerinnen genannt", sagt Hartig. Die weibliche Form ist dabei völlig richtig, denn in der Manufaktur arbeiten ausschließlich Frauen.

In Sebnitz hat das Handwerk Tradition. "Bei uns wird die über 180 Jahre alte Tradition der Kunstblumenherstellung mit den regional typischen und klassischen Methoden fortgeführt", sagt Hartig nicht ohne Stolz. Für die Herstellung der künstlichen Blumenpracht müssen die Blümlerinnen zunächst den Stoff verstärken. Schließlich sollen die Kunstblumen täuschend echt sein. Hartig verwendet dazu seit jeher Kartoffelstärke oder Gelatine. Danach kommt der gestärkte Stoff in die Färbung.

"Mitunter wird auch die Stärke gleich in die gewünschte Farbe gegeben und der Stoff so in einem Durchgang gestärkt und gefärbt", erklärt er. Meist nutzen die Kunstblumenfacharbeiterinnen Textil- oder Seidenmalfarben, hin und wieder auch Lebensmittelfarben. Mehrfarbige Stoffe – etwa für die Blütenblätter – werden nur in Weiß gestärkt und dann in Form gestanzt. Per Hand und Batiktechnik bekommen die Stoffblüten das gewünschte farbliche Aussehen. Aber warum Batik? "So entstehen zufällige Farbverlaufsmuster", sagt Hartig. Ganz so wie in der Natur.

Nach dem Trocknen werden die Kunstblätter geprägt. Mit einem Prägeeisen wird Wärme und Druck auf den Stoff gebracht – und die natürliche Form der Blumen nachempfunden. "So erreichen wir die blumen- und blütentypischen Muster, durch die Stärke im Stoff bleibt die Form auch dauerhaft erhalten", sagt Hartig.

Im Bindesaal der Manufaktur werden die gefärbten und geprägten Blumenteile in Handarbeit zu Blumen gebunden. "Bei uns wird nichts gesteckt, sondern alles geklebt, gebunden und gewickelt. In Sebnitz sagen wir auch: Eine Blume wird geblümelt. Daher auch Name Blümlerin", erklärt Hartig.

Die fertigen Kunstblumen werden einerseits im eigenen Laden an Touristen verkauft. Meist produziert die Manufaktur aber auf Bestellung. Die Kunstblumen sind als Brautschmuck und zu Dekorationszwecken in Hotels gefragt.

Nur noch 30 Frauen üben das Handwerk bundesweit aus

Blümlerinnen müssen kreativ sein und sowohl Feingefühl sowie motorisches Geschick mitbringen. Geduld und ein Gefühl für Stoffe und Farben ist ebenfalls für die Arbeit vonnöten. In der DDR gab es sogar eine Ausbildung zur Kunstblumenfacharbeiterin, das ist heute jedoch nicht mehr möglich. Die Berufsgruppe, so Hartig, sei heute zu klein, als dass der Beruf noch als staatlich anerkannter Ausbildungsberuf angeboten werden könne. Bundesweit, schätzt er, würden heute noch vielleicht 30 Personen diesen Beruf ausüben. Die meisten davon arbeiten in seiner Manufaktur. Neue Mitarbeiterinnen bekommen die Handgriffe heute durch Anlernen beigebracht. Wer jetzt allerdings glaubt, der Beruf würde mittelfristig aussterben, der irrt. Denn Bedarf an neuen Mitarbeiterinnen bestehe durchaus, betont Hartig.

"Wir bräuchten dringend neue Leute. Es ist aber schwierig jemanden zu finden, weil an dem Beruf nur noch wenig Interesse besteht." Ein Grund dafür sei die nicht besonders üppige Vergütung. Die Entlohnung sei an den im Handwerk üblichen Mindestlohn angelehnt. In der Touristenregion Sebnitz und Sächsische Schweiz komme außerdem viel Sonn- und Feiertagsarbeit vor. "Die Touristen kommen zur Besichtigung auch an Wochenenden und Feiertagen, daher muss man dann auch häufig arbeiten", sagt Hartig.

Diesen negativen Aspekten stehen aber ungleich mehr positive Eigenschaften gegenüber. Die Arbeit ist abwechslungsreich und belastet anders als andere Handwerksberufe den Körper nur wenig. Zudem können die Blümlerinnen viel Kreativität in ihre Arbeit einfließen lassen. Hartig: "Wir üben ein Traditionshandwerk aus, das es heute kaum noch gibt. Für kreative und handwerklich geschickte Menschen ist das eine tolle Beschäftigung. Und für Kunstblumenfreunde sowieso."

  • Gehalt: etwa 8,50 Euro Stunde
  • Arbeitszeit: Die Ausübung ist Teil- und Vollzeit möglich, Feiertags- und Wochenendarbeit mitunter nötig.
  • Ausbildung: keine Ausbildung möglich, Einarbeitung erfolgt durchLearning by Doing.